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Full text of "Washington Irving und seine Beziehungen zur englischen Literatur des 18. Jahrhunderts InauguralDissertation zur Erlangung der Doktorwürde vorgelegt der Hohen philosohischen Fakultät der RuprechtKarlsUniversität zu Heidelberg"

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Washington 
Irving und 
seine 
Beziehungen 
zur ... 



Ferdinand Künzig 



Washington Irving 

und seine Beziehungen zur englischen 
Literatur des 18. Jahrhunderts. 



Inaugural-Dissertation 

zur 

Erlangung der Doktorwürde 

vorgelegt der 

Hohen philosophischen Fakultät 

der 

Ruprecht- Karls- Universität 

zu Heideiberg 
von 

Ferdinand Künzig 

aus Ottenburg. 




Heidelberg 

Buchdruckerei Carl Pfeffer 
1911. 



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Gedruckt mit Genehmigung der philosophischen Fakultät der 

Universität Heidelberg. 

Dekan: Referent: 
Frof. Dr. B o 1 1. Geh. Hof rat Prof. Dr. H o o p s. 




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Meinen lieben Eltern. 



323256 



I 



Inhaltsverzeichnis. 



Einleitung: Irvings Bildungsgang und Bclescnheit. 
I. Einflüsse des Spectator: 

1. In Salmagundi: 

a) Aehnlichkeit der Tendenz. 

b) Uebereinstimmungen stofflicher und formeller Art: 
Die Idee des Klubs wirkt nach; die besondere Auf- 
merksamkeit, die sie dem weiblichen Geschlechte 
widmen; das geistlose Treiben der „beaux"; die 
fingierten Briefe; die Aufnahme und Kritik der Schriften 
durch die Leser. 

1 c) Uebereinstimmungen in den Charakteren. 

Männliche Charaktere: 
Spector — Latin celot Langstaff. Will Honeycomb — 
Evergreen. Sir Roger de Coverley — Christopher 
Cockloft. Sp. 88 — Caesar, Diener der Cocklofts. 

Weibliche Charaktere. 

2. In Sketch Book und Bracebridge Hall. 

Sir Roger de Coverley: Squire Bracebridge. — Master 

Simon. — General Harbottle. 

Will Honeycomb: Master Simon. — General Harbottle. 

Die Zigeuner und ihre Prophezeiungen im Spectator und 
in Bracebridge Hall. 

IL Einflüsse Goldsmiths: 

1. The Citizen of the World und die Briefe des Mustapha. 

2. Allgemeine Einwirkung auf die Charakterbildung. 

III. Einflüsse Smolletts: 

1. Commodore Trunnion und der alte Seemann in der Skizze 

The Angler. 

2. Der renommierende Offizier. 



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IV. Dorf Schilderung: 

1. Irvings Stellung in der Entwicklungsgeschichte der eng- 

lischen Dorfschilderung im allgemeinen. 

2. Der Landpfarrer. 

3. Der Dorfschulmeister. 

4. Die sonstigen Gestalten. 

V. Humor. 

Die Humoristen des 18. Jahrhunderts: Addison, Steele, 
Fielding, Smollett, Sterne, Ooldsmith. 

Irvings Beziehungen zu diesen. 
Die humoristischen Mittel. 

S c h 1 u s s. 



Erklärung der Abkürzungen. 

Sp. — Spectator. Citiert nach Nummern. 

J.A. = Joseph Andrews. Citiert nach Büchern und Kapiteln. 

T. J. = Tom Jones. „ „ „ „ „ 

R.R. = Roderick Random. „ „ Seiten. 

P.P. = Peregrine Pickle. „ „ . „ 

H.C. = Humphrey Clinker „ „ „ 

Salm. = Salmagundi (Works I) „ „ 

Sk. B. — Sketch Book (Works II) „ 

Br.H.= Bracebridge Hall (Works III). Citiert nach Seiten. 



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Einleitung. 
Irvings Bildung und Belesenheit. 

Es ist schon oft auf die Beziehungen Irvings zur eng- 
lischen Literatur des 18. Jahrhunderts hingewiesen worden; 
eine genauere Untersuchung und Darstellung derselben 
fehlt jedoch bis heute. In der vorliegenden Arbeit soll der 
Versuch gemacht werden, diese Beziehungen näher zu be- 
stimmen. 

Irving gibt weder in seinen Werken noch in seinen 
Briefen, soweit diese uns zugänglich sind, irgend eine An- 
deutung über seine Beziehungen zur englischen Literatur 
des 18. Jahrhunderts. Vielmehr behauptet er stets, kein 
literarisches Vorbild gehabt zu haben. 

„I am aware that I often travel over beaten ground, and treat 
of subiects that have already bcen discussed as my models, to 
whom I should feel flattered if I thought I bore the slightest 
resemblance; but in truth I write after 110 model that I am 
conscious of — T write with no idea of imitation or competition" 
(Br. H. i). 

Als ein Kritiker einer Wochenschrift aus der Apo- 
strophe Dantes an Vergil : 

„Tu se'lo mio maestro, e'l mio autore: 

Tu se'solo colui, da cu'io tolsi 

Lo bello stile, che m'ha fatto onore", 

mit der sich Irving in der Einleitung zu seiner Goldsmith- 
Biographie an Goldsmith richtete, schliessen wollte, dass 
er sich zu einem Nachahmer Goldsmiths bekenne, sagte 
Irving lächelnd zu seinem Neffen: „Ich habe nur meine 
Bewunderung für Goldsmith ausdrücken wollen, ein Be- 
kenntnis, wie das mir unterlegte, macht kein Schriftsteller. 



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Ich bin mir nicht bewusst, dass ich je nach fremden Mustern 
gearbeitet habe, das tut kein Mensch, der einige Genie in 
sich fühlt. Seit meinen ersten literarischen Versuchen fiel 
mir alles natürlich zu, mein Stil gehört mir so, als hätte 
Goldsmith nie geschrieben, so gut wie mir meine Stimme 
gehört" (Laun II 169). Diesen Versuchen Irvings gegen- 
über, seine literarische Abhängigkeit zu leugnen, müssen 
wir doch festhalten, dass bei einer Dichternatur, mag sie 
auch noch so ursprünglich sein, die erste Betätigung nicht 
denkbar ist ohne irgendwelche Schulung und Anregung. 

Allerdings lehnte sich Irving nicht sklavisch an seine 
literarischen Vorbilder an, sondern er bildete das Fremde 
durchaus in seiner Art um und prägte ihm den Stempel 
seines Geistes auf. Begabt mit einer feinen Beobachtungs- 
gabe und einer reichen Phantasie, hielt er Personen und 
Ereignisse des alltäglichen Lebens fest und schuf so seine 
Gestalten, indem er literarisch Ueberkommenes mit Er- 
lebtem vereinigte. 

Da Irving, wie bemerkt, sich über seine Stellung zu 
literarischen Vorbildern nicht äussert, so dürfte hier ein 
kurzer Ueberblick über seinen Bildungsgang und seine 
Belesenheit, soweit dies aus Erwähnungen und Zitaten in 
seinen Werken und Briefen zu erschliessen möglich ist, 
am Platze sein. Denn es würde ein Tappen ins Leere sein, 
wollte man die Abhängigkeit von Vorbildern zeigen, ohne 
bestimmt erwiesen zu haben, dass er diese auch wirklich 
gekannt hat. 

Schon früh erwachte in dem jugendlichen Irving 
eine leidenschaftliche Vorliebe fürs Lesen. 

Hoole's Uebersetzung des Orlando furioso machte einen 
gewaltigen Eindruck auf sein Gemüt. Bücher wie Robinson 
Crusoe und Sinbad, der Segler, boten ihm reiche Unter- 
haltung. Besonders vertiefte er sich in The World Displa- 
yed, eine zwanzigbändige Sammlung von Reisebeschrei- 
bungen aller Art, die er sogar mit in die Schule nahm und 
während des Unterrichts unter dem Tische las. 



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— 9 — 



„He was not permitted to read at homc after retiring to his 
bed, but such was their fascination that he used to secrete candles 
to enablc him lo do so" (Life and Letters I 13). 

Dies fortwährende Lesen von Reisebeschreibungen er- 
weckte in ihm die Lust, Seemann zu werden. 

Books of voyages and travels became my passion. and in 
devouring their Contents I neglected the regulär exercises of the 
school. How wistfully would I wander about the pierheads in fine 
weather, and watch the parting ships bound to distant climes — with 
what longing eyes would I gaze after their lessening sails, and waft 
myself in imagination to the ends oft the earth!" (Sk. B. 1). 

Im allgemeinen war der junge Irving mehr zum Lesen 
beliebiger Bücher als zur Beschäftigung mit den eigentlichen 
Schularbeiten geneigt (Laim II 257). Was seine Schul- 
bildung angeht, so war sie keine besonders gute; er wech- 
selte mehrmals, zum Teil in kurzer Zeit, seinen Lehrer. 
Mit Latein beschäftigte er sich nur ganz wenig. Während 
man seine Brüder John und Peter ins Columbia-College 
sandte. Hess man ihn nicht weiterstudieren, was er in spä- 
teren Jahren oft sehr bedauerte. Seiner Erziehung fehlte 
vor allem die klassische Grundlage. Mit 16 Jahren war 
seine Ausbildung abgeschlossen, und er war jetzt für seine 
weitere Bildung auf sich selbst angewiesen. Er trat als 
Schreiber bei einem Advokaten ein, um sich für die juri- 
stische Laufbahn vorzubereiten, blieb zwei Jahre hier, 
scheint aber die Zeit mehr zu seiner Förderung in den 
schönen Wissenschaften als für die Jurispudenz verwandt 
zu haben. 

Die Generation, mit der er aufwuchs, las die englischen 
Wochenschriften, den Rambler und den Spectatör, und die 
Essays von Mackenzie und Goldsmith; die damals belieb- 
testen Romane waren die von Richardson, Fielding und 
Smollett, und die bewundertsten politischen Schriften, die 
von Burke, Makintosh und Junius (Laim II 259). 

Die Zitate und Erwähnungen von Werken in Irvings 
Schriften bis zur Abfassung von Braccbridgc Hall zeigen, 
dass er eine bedeutende Kenntnis der englischen Literatur 



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hatte, zumal da wir annehmen müssen, dass er nicht aus 
allen Werken, die er las, auch zitierte. Ueber die Stel- 
lung der Amerikaner zur englischen Literatur gibt er einen 
interessanten Aufschluss in seiner Biographie von Thomas 
Campbell (Works XI 260) : 

„The writers of Great Britain are the adopted Citizens of our 
country, and, though they have no legislative voice, exercise an 
authority over our opinions and affections cherished by long habit 
and matured by affection. In these works we have British valour. 
British magnanimity, British might, and British wisdom, continually 
beforc our eyes, pourtrayed in the most captivating colours; and 
are thus brought up in constant contemplation of all that is amiable 
and illustrions in the British character. To these works, likewisc 
we resort in every varying mood of mind, or vicissitude of fortu»*. 
They are our delight in the hours of relaxation; the solemn monitors 
and instructors of our closet; our comforts in the gloomy seclusions 
of life-loathing despondency. In the season of early life, in the 
strength of manhood, and still in the weakness and apathy of agjjc. 
it is to them we are indebted for our hours of refined and unalloyed 
enjoyinent. When we turn our eyes to England, therefore, from 
whencc this bounteous tide of literature pours in upon us, it is with 
such feelings as the Egyptian experiences when he looks toward the 
sacred source of that stream, which rising in a far distant country. 
flows down upon its own barren soil, diffusing richcs, beauty and 
fertility." 

Bemerkenswert ist Irvings Kenntnis der älteren eng- 
lischen Literatur. Die Dichtungen aus dieser Zeit waren 
ihm leicht zugänglich, da die Bibliothek seines Vaters eine 
reiche Sammlung von älteren Autoren, l^esonders aus der 
elisabethanischen Zeit, enthielt. 

Es mögen hier die Dichter und Dichtunge n, 
die von ihm erwähnt werden, kurz folgen : 
Ascham; Roger (1515-1568), Br. H. 187. 
Old Ballads, grössere Anzahl. 

Beaumont. Francis (1584-1616), Sk. B. 100; Br. H. 64. 
Bourne, Henry (1 696-1 733), Br. H. 253. 
Braithwaite, Richard (is88?-i673), Br. H. 310. 
Bunyan, John (1628-1688), Salm. 82. 
Burton, Robert (1577-1640), Sk. B. 52. 
Byron, Lord (1788- 1824), Br. H. 207. 



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Camden, William (i 551 -1623), Sk. B. 102; Br. IL 90. 
Campbell, Thomas (1777- 1844), Sk. B. 216. - 
Cartwright, William (1611-1643), Sk. B. 20, 143. 
Chaucer, Geoffrey (i335?-i40o), Sk. B. 46. 64, 66, 281 ; 

Br. IL 122 229 ff. 
Cowper, William (1731-1800), Sk. B. 42J Br. IL 193. 
Defoe, Daniel ( 1661 ?-i73i ), Sk. B. 252. 
Dekker, Thomas (c 1570-c 1637), Br. IL 23. 
Drummond of Hawthornden (1585- 1649), Sk. B. 90. 
Dryden, John (1 631- 1700), Br. EL 8i- 
Evelyn, John (1620-1706), Sk. B. 101; Br. IL 56. 
Fletscher, John ( 1 579-1625 ) , Sk. B. 58, 100, 1 75, Br.H.64. 
Fletscher, Phineas (1582-1650), Br. IL 162. 
Garrick, David (1717-1779), Sk. B. 192. 
Goldsmith, Oliver (1728-1774), The Life of Goldsmith, 

VI .... an Author whose writings were the delight 

of my childhood. . . . 
Herrick, Robert (1591-1674), Sk. B. 100, 103, 151, 153, 

154, 168, 239. 
Heywood, Thomas ( 158 1 ?- 1640?), Br. IL 235. 
Hogarth, William (1697- 1764), Salm. 61. 
Hollinshed, Raphael (gest. 1580?), Sk. B. 94. 
James I, of Scotland» ( 1394- 1437), Sk. B. 59 fr. 
Jonson, Ben ( i57&?-*637), Sk. B. 173; Br. IL 237. 
Kennedy, Rann (17^2-1851), Sk. B. 48. 
Lee, Nath. (1653-1692), Salm. 9. 

Lyly, John (1553-1606), Sk. B. 1, 8i_; Br. IL 100, 183. 

L'Estrange, Sir Roger (1616-1704), Sk. B. 60. 

Marlowe, Christopher (1564- 1593), Sk. B. 73. 

Marston, John ( 1575?- 1634), Br. IL 71. 

Malory, Sir Thomas, Br. IL 71. 

Middleton, Thomas (1570- 1627), Sk. B. 14, 48. 

Milton, John (1608-1674), Sk. B. 35J Br. IL 234. 

Mirror for Magistrates, Br. IL 8, 88. 

Moore, Thomas (1779- 1852), Salm. 58] Sk. B. £2j 

Br. IL 207. 
Nash, Thomas (1567-1601), Sk. B. 180. 



12 

Overbury, Sir Thomas (1581-1613), Sk. B. 100. 

Poor Robin's Almanac (1684), Sk. B. 143, 168. 

Phillips, Katherine (1631-1664), Br. H. 25, 26. 

Pope, Alexander (1688-1744), Salm. 86. 

Richardson, Sam. (1689-1761), Salm. 82, 101 ; Br. H. 19. 

Rowe, Nicholas (1 674-1 718), Salm. 86. 

Scott, Sir Walter (1771-1832), Life and Letters I 145. 

Shakespeare, William (1564-1616), sehr häufig erwähnt. 

Sidney, Sir Philipp (1554-1586), Sk. B. 95; Br. H. 40. 

Old Songs, grössere Anzahl. 

Spenser, Edmund ( I552?-I599), Br. H. 73. 

Smollett, Tobias (1721-1771), Life and Letters I 43. 

Spectator, Salm. 10. 

Stanley, Thomas (1625- 1678), Sk. B. 102. 

Sterne, Laurence (1713-1768), Salm. 70, 99, 157. 158. 

Stow, John (1525?- 1605), Sk. B. 171. 

Suckling, Sir John (1609- 1642), Sk. B. 164; Br. H. 95. 

Surrey, Henry Howard, Earl of ( I5i6?-i547), Sk. B. 58. 

Swift, Jonathan ( 1667-1745), Br. H. 183, 256. 

Taylor, Jeremy (1613-1667), Sk. B. 104; Br. H. 45. 

Thomson, James (1700- 1748), Sk. B. 8, 254. 

Tusser, Thomas ( 1524?-! 580), Sk. B. 156; Br. H. 229. 

Walpole, Horace (1717-1797), Br. H. 19. 

Walton, Isaac (1593- 1683), Sk. B. 156, 247. 

Webster, John ( is82?-i652?), Br. H. 78. < 

Wither, George (1588- 1667), Sk. B. 164. 

Wotton, Sir Henry (1 568-1639). Sk. B. 246. 

Aus der Literatur andrer Länder sind es bezeichnender- 
weise zwei Autoren, auf deren Kenntnis wir aus gelegent- 
lichen Erwähnungen schliessen können: 

Cervantes, Don Ouixote. Salm. 35. 216; Sk. B. 247; 
Br. H. 75, 206. 

Rabelais, Salm. 157. 

Sein eigentliches Studienkabinet aber waren die Natur, 
die Gesellschaft und das Leben. 

„I was always fond of visiting new scenes and observing 
stränge characters and manners. Even when a mere child I began 



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— 13 — 



my travels, and madc many tours of discovery into foreign parts and 
unknown regions of my nativc city, to the frequent alarm of my 
parents, and the emolument of the town-crier. As I grew into 
boyhood, I extendcd the ränge of my observations. My holyday 
afternoons were spent in rambles abottt the surrounding country. 
I madc myself familiär with all its places famous in history or fable. 
I knew every spot where a murder or robbery had been committed 
or a ghost seen. I visited the neighbouring villages, and added 
greatly to my stock of knowledge by noting their habits and customs, 
and conversing with their sages and great men. I even journeyed 
one long summer's day to the summit of the most distant Hill, whence 
I stretched my eye over many a mile of terra incognita, and was 
astonished to find how vast a globe I inhabited" (Sk. B. i). 

Für einen so eifrigen und feinen Beobachter musste 
natürlich die Reise nach Europa — nach dem Mutterlande 
England mit seinen vielen historischen Erinnerungen, nach 
Frankreich, dem Lande heiteren Lebensgenusses, nach Ita- 
lien mit seinen zahllosen Kunstschätzen und seinen land- 
schaftlichen Reizen — von tiefem Eindruck sein. 



I. Einflüsse des Spectator. 

Von seinen literarischen Vorbildern hat vor allem der 
Spectator nachhaltigen Einfluss auf Irving ausgeübt. 

i. Salmagundi. 

Besonders deutlich tritt dieser in seinem Jugendwerke 
Salmagundi hervor. 

Irving ist nicht der alleinige Verfasser dieses Werkes, 
dessen erste Nummer am 24. Januar 1807 erschien; sein 
Jugendfreund James Kirke Paulding und sein Bruder Wil- 
liam Irving lieferten gelegentlich Beiträge. Aber „the 
thoughts of the authors were so mingled together in these 
essays, and they were so literally joint produetions, that it 
would be difficult as well as useless to assign to each Iiis 
exaet share" (Pauldiiig, Life and Letters I 100). 



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— 14 — 



Ich betrachte daher für den vorliegenden Fall Salma- 
gundi als ein Ganzes. Für diese Behandlung kann auch der 
Umstand sprechen, dass für die Stücke, die wir einem der 
andern Autoren zuweisen können, die gleichen Einflüsse 
der englischen Literatur sich nachweisen lassen. 

a) Aehnlichkeit in der Tendenz. 

Die moralische Zeitschrift als solche ist es, die zunächst 
den Ausgangspunkt bildet für Irving. 

Der Spectator macht es sich zur Aufgabe, über 
die Sitten und Gebräuche seiner Mitmenschen zu wachen 
und jede törichte Mode und lächerliche Gewohnheit zur 

Darstellung zu bringen. 

„I look upon myself as one set to watch the manners and 
behaviour of my countrymen and contemporaries, and to mark down 
every absurd fashion, ridiculous custom. or affected form of speech. 
that makes its appearance in the world during the course of these 
my speculations" (Sp. 435)- 

Durch humoristische Schildeningen will er seinen Mit- 
menschen ihre Fehler und Mängel zeigen und so eine Bes- 
serung der Zustände herbeiführen. „I shall endeavour to 
enliven morality with wit, and to temper wit with morality" 
(Sp. 10). 

Diese Tendenz tritt auch in Salmagundi hervor. 

„Our intention is simply to instruct the young. reform the old, 
correct the town, and castignatethe age: this is an arduous task. 
and therefore we undertake it with confidence. We intend for this 
purpose to present a striking picture of the town" (Salm. i). 

An einer andern Stelle heisst es : 

„To a moral writer like myself, who, next to Iiis own comfort 
and entertainment, has the good of his fellow-citizens at heart, a 
retrospect is but a sorry amusement. Like the industrious hus- 
bandman, he often contemplates in silent disappointment his labours 
wasted on a barren soil, or the seed he has carefully sown choked 
by a redundancy of worthless weeds. I expected long ere this to 
have seen a complete reformation in manners and morals, achieved 
by our united efforts" (Salm. 164). 

Durch Zeitverhältnisse und Umstände bedingt, ergibt 

sich natürlich eine verschiedene Behandlungsweise. 



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15 



Die moralischen Zeitschriften des 18. Jahrhunderts 
stellen eine Reaktion gegen die hauptsächlich durch fran- 
zösischen Einfluss verdorbenen gesellschaftlichen Zustände 
jener Zeit dar. Hatten die Puritaner bisher selbst die un- 
schuldigsten Freuden und Vergnügen untersagt, so fielen 
mit dem Regierungsantritt Karls II. alle Schranken. Sein 
Einzug in Whitehall war das Zeichen für eine zügellose 
Freiheit in all dem, was bisher verboten war. „Chassez le 
naturel, il revient au galop" (Destouches). Wir können 
uns heute kaum einen Begriff davon bilden, bis zu welchem 
Grade die englische höhere Gesellschaft verdorben war. In 
dem Bestreben, den Gegensatz zu den verhassten Heuchlern 
und Scheinheiligen so gross als möglich zu machen, brachte 
man die Offenheit bis zur Schamlosigkeit, die Galanterie 
bis zur offenen Debauche. 

Dem edlen Bestreben, dieser Sittenlosigkeit ein Ende 
zu machen, verdanken die moralischen Zeitschriften ihre 
Entstehung. Beljame hat sich in seinem trefflichen Buch 
über die Aufgaben des Spcctators, der bedeutendsten dieser 
Zeitschriften, folgendermassen ausgesprochen : „II s'agis- 
sait, non pas de combattre le mouvement commerce par 
Collier, mais de le continuer en le dirigeant dans des voies 
moins etroites et en le moderant. II faillait avec lui pour- 
suivre l'immoralite corruptrice qui avait envahi la societe 
cntiere, mais contre lui et contre ses disciples defendre 
toutes les manifestations de la litterature et des arts, et tous 
ces plaisirs delicats qui, en faisant le charme et Tagrement 
des relations sociales, elevent et affinent Tesprit. II fallait 
concüier la vertu des puritains avec l'elegance des Cavaliers, 
convertir ceux-ci ä la morale en la faisant sociable et 
d'agreable compagnie, convertir ceux-lä aux bonnes ma- 
nieres en leur prouvant qu'elles n etaient point incompatibles 
avec les bonnes moeurs." 

In New York dagegen waren zu Anfang des 19. Jahr- 
hunderts die Verhältnisse wesentlich verschieden. New York 
war damals noch eine junge, aufstrebende Kolonialstadt. 
Hier konnte man nur ein tüchtiges und kerniges Bürgertum 



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— i6 



brauchen ; für eine raffinierte Kultur, wie sie in der Restau- 
rationszeit in England geherrscht hatte, war hier kein Platz. 
Aus dieser Tatsache entspringt die Verschiedenheit von 
Spectator und Salmagundi. Im Spcctator treten uns Schritt 
für Schritt die zerrütteten Verhältnisse entgegen, in Salma- 
gundi dagegen finden wir nichts von einem solchen ernsten 
Hintergrund. „The work was undertaken purely for their 
own amusement; to please themselves, and with no expec- 
tation of pecuniary profit" (Life and Letters I 98). Daraus 
erklärt sich auch die ganze Tendenz des Werkes. 

„While we continue to go on, \ve will go on merrily: if wo 
moralizc, it shall be but seldom; and on all occasions we shall be 
more solicitous to make our readers laugh than cry — for we are 
laughing philosophers, and clearly of opinion, that wisdom, truc 
wisdom, is a plump, jolly dame, who sits in her armchair. laughs 
right merrily at the farce of lifc, and takes the world as it goes " 
(Salm. 3/4). 

Dass bei der Absicht, die Stadt zu belustigen, auch bis- 
weilen die Satire, allerdings keine gehässige, eine Rolle 
spielt, ist begreiflich. Indem aber Irving so die Torheiten 
der Stadt uns vor Augen führt, gibt er zu gleicher Zeit ein 
ganz interessantes Bild von dem Leben und Treiben in dem 
damaligen New York. 

b) Uebereinstimmungen stofflicher und formeller Art. 

Der Spectator wird redigiert von einem Club, der 
sich aus sehr verschiedenartigen, aber höchst eigentüm- 
lichen Persönlichkeiten zusammensetzt. „Dans cette 
assemblee oü le spectateur preside comme un arbitre im- 
partial et desinteresse, chaque classe a son representant : la 
grande propriete, le commerce, 1'armee, le clerge, les hom- 
mes de loi. La litterature et les arts sont represent.es un 
peu par tous les membres du club, qui sont tous des esprits 
cultives. Les plaisirs elegants — et les femmes, qu' Adison, 
on l a vu, n'oublie pas — ont un avocat dans Will Honey- 
comb" (Beljame 288). Die Beobachtungen und Unter- 



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— 17 — 



Haltungen dieses Freundeskreises teilt uns der Specta- 
t o r mit. 

Diese Idee des Clubs wirkt zweifellos in Salmagundi 
noch nach. Zwar ist an Stelle des organisierten Clubs von 
sieben Mitgliedern ein kleiner Kreis von drei Personen ge- 
treten, aber in Einzelzügen lassen sich doch deutlich 
Spuren des Spectators nachweisen. 

Wie beim Spectator so gehen auch hier die einzelnen 
Nummern aus der Unterhaltung bei ihren Zusammen- 
künften hervor. 

„Many a time have \ve seen the midnight lamp twinkle faintly 
on our studious phizzes, and heard the morning salutation of „past 
three o'clock", before we sought our pillows. The result of thcse 
midnight studies is now offered to the public" (Salm. 7). 

Uebereinstimmend sind im Spectator und Salmagundi 
sämtliche Mitglieder Junggesellen, von denen jeder ein be- 
stimmtes Gebiet vertritt. William Wizard ist der 
Kritiker, A n t h o n v Eversfreen der Referent über 
Mode und Galanterie. Hat unter den Clubmitgliedern der 
Spektator eine leitende Stellung, so kommt dies in 
Salmagundi dem Launcelot Langstaff zu. 

„The public will take notice that, for the purpose of teaching 
these my associates better manners, and punishing them for their 
high misdemeanours, I have by virtue of my high authority, suspen- 
ded them from all interference in „Salmagundi", until they show a 
proper degrce of repentance, or I get tired of supporting the 
burthen of the work myself" (Salm. 105). 

Wenn Irving beabsichtigte, einen seiner Iunggesellen. 
W i 1 L W i z a r d, zu verheiraten (vgl. Life and Letters I 
119), so könnte auch hierfür der Spectator mit der Ver- 
heiratung Will. Honeycombs die Anregung gegeben 
haben. 

Einen grossen Raum unter den Essays im Spectator 
nehmen die über das weibliche Geschlecht ein. 

Bei der allgemeinen sittlichen Zerrüttung nach dem 
Sturz der Puritanerherrschaft sank natürlich auch das An- 
sehen des Weibes. Ehebruch und Verführung waren an 
der Tagesordnung. Die Lustspiele, von denen die unsitt- 

2 



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18 — 



lichsten Stücke sogar von Frauen verfasst sind, bieten ein 
entsetzliches Bild von der sittlichen Verkommenheit jener 
Zeit. „ We hear a great deal about „love" in the literature 
of the time, but it is the same kind of love that might be 
found among a herd of cattle. It would be difficult to 
mention any man about the court of Charles II who could 
have appreciated the pure and enduring passion which in 
the noble lines of Spenser's „Epithalamion" " (Tuckermann 
114). In der richtigen Erkenntnis, dass eine moralische 
Hebung der Nation ohne Veredelung der Frauencharaktere 
nicht möglich sei, war der Spectator vor allem bestrebt, das 
Weib wieder zum Weibe zu machen, das weibliche Gemüt 
zu bereichern und Achtung vor echter Weiblichkeit von 
den Männern zu fordern. 

,,I have nothing more at heart than the honour and impro- 
vement of the fair sex" (Sp. 265). 

An einer anderen Stelle heisst es vom Spectator: 

„You are everywhere in your vvritings a friend of women" 
(Sp. 199). „I would fain contribute to make womankind, which is 
the most beautiful part of the creation, entirely amiable, and wear 
out all those little spots and blemishes that are apt to rise among 
the charms which nature has poured out upon them" (Sp. 57). 

Eine ähnliche Stellung dem weiblichen Geschlechte 
gegenüber nimmt Irving in Salmagundi ein. Auch er führt 
sich als sein Schützer und Vorkämpfer auf. Dass er den 
Stoff mehr humoristisch behandelt und die ernste mora- 
lische Handlungsweise zurücktreten lässt, ist bei der ganzen 
Tendenz von Salamagundi begreiflich. 

„We have no fear of the censures of the wise, the good, or the 
fair; for they will ever be sacred from our attacks. We reverence 
the wise, love the good, and adore the fair; we declarc ourselves 
Champions in their cause — in the cause of morality — and we throw 
our gauntlet to all the world besides" (Salm. 35). 

Oder an einer anderen Stelle: 

,,While we keep more than a Cerberus watch over the golden 
rules of female delicaey and decorum . . . (Salm. 4). „We must 
let it be understood, as our firm opinion, void of all prejudice or 
partiality, that the ladies of New York are the fairest, the finest, 
the most aecomplished, the most bewitching, the most incffable 
beings, that walk, creep. crawl. swim, fly, float, or vegetate in any , 



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— IC) - 



or all of the four elements; and that thcy only want to bc eurer! 
of certain whims, eccentricities, and unseemly coneeits, by our 
superintending cares, to render them absolutely perfect" (Salm. 4). 

Es würde hier zu weit abführen, wollte man versuchen, 
auf all das näher einzugehen, was der Spectator zur Hebung 
<les weiblichen Geschlechtes aufbietet; nur einige wenige 
Punkte, die sich auch in Salmagundi finden, und die offen- 
bar auf den Einfluss des Spectators zurückzuführen sind, 
mögen hier Erwähnung finden. 

Der Spectator greift l>esonders die schlechte Erziehung 
des weiblichen Geschlechts an. Kaum der Kinderstube ent- 
wachsen, kommt das junge Mädchen .in die Hand eines 
Tanzmeisters, um hier in dem korrekten steifen Benehmen 
der damaligen Zeit unterrichtet zu werden. 

„When a girl is safely brought from the nurse, before she is 
capablc of forming one simple notion of anything in life, she is 
delivered to the hands of a dancing master . . . . " (Sp. 66). 

In auffallend ähnlicher Weise drückt sich auch der 
Verfasser von Salmagundi aus : 

„Scarce from the nursery freed, our gentle fair 
Are yielded to the dancing-master's care; 
And ere the head one mite of sense can gain, 
Are introduced'mid folly's frippery train. 

Die humorvolle Beschreibung des Walzers in Salma- 
gundi (Salm. 84/85) könnte durch eine ähnliche Schilderung 
im Spectator angeregt sein, wo es heisst: 

„I was amazed to see my girl handed by and handing young 
fcllows with so much familiarity; and I could not have thought it 
had been in the child. They very often made use of a most impu- 
<!ent and laseivious step, called'setting', which I know not how to 
describe to you, but by telling you, that it is the very reverse of 'back 
to back'. At last an impudent young dog bid the fiddlers play a 
dance called 'Moll Pately', and after having made two or three 
capers, ran to his partner, locked his arms in hers, and whisked 
her round cleverly above ground in such manner, that I, who sat 
upon one of the lowest benches, saw further above her shoe than 
I can» think fit to acquaint yon with. I could no longer endure these 
enormities: wherefore, just as my girl was going to be made a 
whirligig, I ran in. seized 011 the child. and carried her home" 
<Sp. 67). 

2* 



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Die Beschäftigung der Damen mit Sticken gibt beiden 
.Autoren Gelegenheit, sich über ihren Geschmack und ihre 
Phantasie in diesen Arbeiten lustig zu machen. So schreibt 
der Spcciator: 

„What a delightful entertainment must it be to the fair sex . . . 
to pass their hours in imitating fruits and flowers, and transplanting 
all the beauties of nature into their own dress, or raising a new 
creation in their closets and apartments! How pleasing is the 
amusement of Walking among the shades and groves planted by 
themselvcs, in surveying heroes slain by their needle, or little 
Cupids which they have brought into the world without pain!" 
(Sp. 606.) 

Mit besonderem Humor wird dasselbe Thema in 

Salmagundi behandelt, vor allem in der Beschreibung eines 

Bildes, das die Grabszene in Romeo und Julia" darstellen 

soll (Salm. 136). Daneben wird in Salmagundi auch das 

Malen der Damen verlacht. So schreibt Mustapha in 

einem seiner Briefe, der hauptsächlich über das weibliche 

Geschlecht handelt : 

„Sometimes they employ themselves in painting little caricatures 
of landscapes, wherein they will display their singular drollery in 
bantering nature fairly out of countenance — representing her tiicked 
out in all the tawdry finery of copper skies, purple rivers, calico 
rocks, red grass, clouds that look like old clothes set adrift by the 
tempest, and foxy trees, whose melancholy foliage, drooping and 
curling most fantastically, reminds me of an undressed periwig, that 

I have now and then seen hung 011 a stick in a barber's window 

But their most important domestic avocation is to embroider, on 
satin or muslin, flowers of a nondescript kind, in which the great 
art is to make them as unlike nature as possible" (Salm. 233). 

Um Einfachheit und Natürlichkeit im englischen Leben 
wieder einzubürgern, richtete sich der Spectator mit Witz 
und Satire gegen die übertriebenen Modetorheiten. La 
Bruyere charakterisiert den beständigen Wechsel in der 
Mode der damaligen Zeit treffend : „Une mode a ä peine 
detruit une autre mode, qu'elle est abolie par une plus nou- 
velle ; qui cede elle-meme ä celle qui la suit et qui ne sera pas 
la derniere, teile est notre legerete." Paris war der Mittel- 
punkt dieser Bewegung, und London ahmte gehorsam nach, 
was die Meisterin vorschrieb. Ludwig XIV. diktierte der 



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— 21 — 

ganzen Welt die Mode. Gegen diesen verderblichen Ein- 
fluss kämpft der Spectator an. Die verschiedenen Torheiten 
und Aenderungen finden alle im Spectator ihren Ausdruck. 
Zwar ist die „fontange" gefallen, von der Saint Simon in 
seinen Memoiren sagt, sie ,,sei ein Gebäude von zwei Fuss 
Höhe, welche das Gesicht der Frauen in die Mitte des Kör- 
pers versetze", aber an ihre Stelle ist zum Bedauern des 
Spectators der farbige Kopfputz getreten. Ist er erfreut 
darüber, dass die Frauen den Kopfputz erniedrigen, so muss 
er nun zu seinem Entsetzen bemerken, wie sie in der unteren 
Hälfte zulegen, was sie der oberen entziehen. Auch gegen 
die „patches", wohl eine der albernsten Modeerscheinungen, 
wendet er sich in seinen Essays. 

Ganz im Sinne des Spectators zieht Irving gegen die 
Modetorheiten los, die grosse Geldsummen verschlingen und 
dadurch oft schon das Glück mancher Familie gefährdet 
haben. Vor allem greift er die leichte, weit ausgeschnittene 
Kleidung der Frauen an. 

„Here the style is to show not only thc face, but the neck, 
Shoulders, e. c; and a lady never presutnes to hide them, exept when 
she is not at home, and not sufficiently undressed to see Company" 
(Salm. 93). 

Humorvoll ist sein „recipe for a füll dress" (Salm. 33). 
Am Schlüsse von Salmagundi fasst er seine Bemühungen 
noch einmal zusammen in den Worten : 

„Whe have endeavoured . . . to preserve them from the nakcdness, 
the famine, the cob-web muslins, the vinegar cruet, the corset 
the stay-tape, the buckram. and all the other miseries and racks of a fine 
figur'' (Salm. 261). 

Ein weiteres Motiv, das in beiden Werken sich findet, 
ist in Salmagundi offenbar auch aus dem Spectator ent- 
lehnt. In beiden Fällen wird eine Dame wegen ihrer Klei- 
dung von einem Manne als „Herr" angeredet, bis sich bei 
näherem Zusehen der Irrtum herausstellt. 

„ . . another of his tenants, who, meeting this gent- 
lemanlike lady 011 the highway, was asked by her whether that was Co- 
verley-hall? The honest man seeing only the male part of the querist, 
replied, „Yes Sir"; but upon the second quistion, whether Sir Roger 



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22 — 



de Coverley was a married mau? having dropped Iiis eye upou the 
petticoat, he changed his notc into ,No, niadam' M (Sp. 435). 

Man vergleiche damit Sahna gttiuli 247 : 

..Going down Broadway this morning in a great hurry. I ran 
füll against an object which at first put me to a prodigious nonplus. 
Observing it to be dressed in a man's hat, a cloth overcoat, and 
spatterdashes. I framed my apology accordingly, exclaiming, „Mydear 
Sir, I ask tcn thousand pardons; I assure you, Sir, it was entireiy 
accidental: pray, excuse me. Sir" ec. At every one oft these excuses 
thc thing answcred me with a downright laugh; at which I was not 
a little surprised, until. 011 resorting to my pocket glass, I discovered 
that it was no other than my old acquaintance Clarinda Trollop." 

Eine Stelle, die sich in ihrer ganzen Auffassung sehr 
von der gewöhnlichen Art in Salmagundi abhebt, die ganz 
im Geiste der moralischen Zeitschrift verfasst ist und ebenso 
gut von einem Steele oder A d diso n herrühren könnte, 
möge hier noch berührt werden. Bei der Besprechung der 
Fair Pcnitcnt wendet der Verfasser sich gegen das sitten- 
lose Schauspiel und zeigt, dass die Frauen es in der Hand 
hätten, solchen Stücken ihr Ende zu bereiten. 

..Nothing is more easy than to banish such plays from our 
stagc. Were our ladies. iustead of crowding to sce them again and 
again, rcpeated, to discourage their exhibition by abscnce. the stage 
would soon be indecd the school of morality, and the number of 
„Fair penitents". in all probability. diminish" (Salm. 86). 

Doch nicht allein das weibliche Geschlecht mit seinen 
Torheiten, sondern auch der Mann ist Gegenstand der Be- 
trachtungen des Spcctators. Vor allem sind es die feinen 
Modeherrchen, die Beau x, die sein Interesse in Anspruch 
nehmen. Mit feinem Witz und Humor geisselt er diese 
Herrchen, die viel auf ihr Aeusseres halten, einen grossen 
Teil ihrer Zeit vor dem Spiegel zubringen, gern die Gesell- 
schaft von Damen aufsuchen, mit deren Geistesbildung es 
aber nicht weit her ist. So bemerkt er in der Disscction of 
a bcau's head (Sp. 275), in der er den „Beaux" manchen 
Hieb erteilt : 

„The brain of a bean is not a real brain. but only something 
likc it." 



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— 2 3 — 



In Salmagundi finden wir diese Herrchen in ähnlicher 

Weise behandelt. Gleich in der „Introduction to the Work", 

wo er sein Programm entwickelt, sagt er: 

„Nor will the gcntlemen, who doze away thcir time in the 
circles of the haut-ton, escape our currying: — we mean those 
silly fellows who sit stock-still upon their chairs, without saying a 
word, and then complain how d — d stupid it was at Miss — 's 
party" (Salm. 4). 

Auch in Salmagundi wird ihr eitles, geistloses Treiben 

verlacht. 

„ 4 But who. 1 beg of you, is that amiable youth who is handing 
along a young lady, and at the same time contcmplating Iiis sweet 
person in amirror as he passes'. His name said I, is Billy Dimple: 

— he is a universal smiler, and would travel from Dan to Beersheba, 
and smile on everybody as he passd. Dimple is a slave to the ladies 

— a hcro at tea - parties. and is famous at the pirouet and the 
pigeon-wing; a fiddle-stick is his idol. and a dance his elysium" 
(Salm. 55). 

Für diese Sittenschilderungen macht der Spectator von 
einem stilistischen Mittel Gebrauch, das sich trefflich dafür 
eignete. Er schreibt B r i e f e an sich selbst. Dadurch ist 
ihm die Gelegenheit geboten, manch humorvolle Darstellung 
zu bringen und überhaupt manches vorzuführen, was er von 
sich aus kaum hätte darstellen können, oder das doch wenig- 
stens wirkungslos gewesen wäre. 

Aus demselben Bedürfnis, freier schalten und walten 
zu können, entsprang ja auch die Idee des Spcctators. Was 
von einem Steele oder Addison beleidigt hätte, das nahm 
man vom Spectator ruhig hin. 

,.lt is mtich more difficult to converse with the world in a real 
than a personated character. That might pass for humour in the 
Spectator. which would look likc arrogance in a writer who sets his 
r.ame to his work. The fictitious person might condemn those who 
disapproved him and extol Iiis own Performances without giving 
offence. He might assume a mock authority, without being looked 
upon as vain and coneeited. The praises or censurcs of himself 
fall only upon the creature of his Imagination; and if any one finds 
fault with him. the author may reply with the philosopher of old. 
.thou dost but beat the case of Anaxarchus' " (Sp. 555). 

Alle die folgenden Essayisten haben sich der fingierten 
Briefe bedient, um in das Ganze mehr Abwechslung zu 



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— 24 — 

bringen. Auch bei Irving finden sich Beispiele dafür (vergl. 
Salm. 97/98; 118; 245/250). Doch sind sie hier von unter- 
geordneter Bedeutung; meist dienen sie nur humoristischen 
Zwecken. 

Die Vermutungen, die sich an die unbekannten Ver- 
fasser knüpfen und die Aufnahme der Schriften durch die 
Leser geben beiden Autoren Anlass, sich in lustiger Weise 
darüber in ihren Essays zu äussern. Beiden bereitet es 
grosses Vergnügen, lauschend umherzugehen, sich schwei- 
gend unter das Volk zu mischen, um zu hören, wie man über 
sie denkt. Ohne Zweifel war auch hierin für Salmagundi 
der Spcctator vorbildlich. So schreibt letzterer : 

„Jt is my custom to take frequent opportunities of inquiring 
from time to time what success my speculations meet with in the 
town" (Sp. 525). 

Dabei bekommt er allerlei zu hören. Bald wird er 

gelobt, bald tadelt man ihn, einer will in ihm sogar einen 

Jesuiten erkennen (Sp. 4), andere suchen aus dem Stil in 

den Briefen zu beweisen, dass sie nicht von ihm herrühren 

könnten. 

„When I have been present in assemblies where my paper 
has been talked of, I have been very well pleased to hear those 
who would detract from the author of it observe^ that the letters 
which are sent to the Spectator, are as good, if not better, than any 
of his works. Upon this occasion many letters of mirth are usually 
mentioned, which some think the Spectator writ to himself, and 
which others commend because they fance he received them from 

his correspondents They have very often praised me when 

thcy did not design it and they approved my writings when they 
thought they had derogated from them. I have heard several of 
these unhappy gentlemen proving, by undeniable arguments, that 
I was not able to pen a letter which I had written the day before. 
Nay, I have heard some of them throwing out ambiguous expres- 
sions, and giving the Company reason to suspect that they them- 
selves did me the honour to send me such or such a particular 
epistle, which happened to be talked of with the esteem or appro- 
bation of those who were present" (Sp. 542). 

Die Vermutungen und Versuche, hinter das Geheim- 
nis der Verfasser zu kommen, haben gewiss Irving und sei- 
nen beiden Mitarbeitern manche frohe Stunde bereitet; aber 



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— 25 — 

die Art und Weise, wie dieses Streben der Leser in Salma- 
gundi verwertet wird, ist sicherlich auf den Einfluss des 
Spcctators zurückzuführen. 

„One of the greatest sources of amusement incident to our 
humorous knight-errantry is to ramble about and hear the various 
conjectures of the town respccting our worships, whom everybody 
pretends to know as well as Falstaff did Prince Hai at Gad's Hill" 
(Salm. 32). ..One of the most tickling, dear, mischievous pleasures 
of this life is to laugh in one's sleeve — to sit snug in a corner, unno- 
ticed and unknown, and hear the wise men of Gotham, who are 
profound judges of horse-flesh, pronounce, from the style of our 
work. who are the authors. This listening incog., and receiving a 
hearty praising over another man's back, is a Situation so celestially 
whimsical, that we have done little eise than laugh in our sleeve 
ever since our first number was published. The town has at length 
allayed the titillations of curiosity, by fixing on two young gent- 
lemcn of Iiterary talents — that is to say, they are equal tho the cotn- 
position of a newspaper squib, a hodgepodge criticism, or some 
such trifle, and may occasionally raise a smilc by their effusions" 
(Salm. 34). 

Deutlicher tritt die Beziehung zum Spcctator hervor in 

einem Brief der SelinaBadgeran Mr. Evergreen: 
„Dear Mr. Evergreen, — The other night, at Richard the Third, 
T sat behind three gentlemen, who talked very loud on the subject 
of Richardis wooing Lady Ann directly in the face of his crimes 
against that lady. One of them declarerd such an unnatural scene 
would bc hooted at in China. Pray, sir, was that Mr. Wizard? 

Seiina Badger. 

PS. The gentlcman I allude to had a pocket-glass. and wore 
his hair fastened behind by a tortoiseshell comb, with two teeth 
wanting" (Salm. 248). 

Ein ganz ähnliches Beispiel findet sich auch im Spcc- 
tator : 

„Mr. Spectator, As I was Walking t'other day in the Park, 
I saw a gentleman with a very short face; I desire to know 
whether it was you. Pray inform me as soon as you can, lest I 
become the most heroic Hccatissa's rival. 

Your humble servant to command, 

Sophia" (Sp. 290). 

Hierher gehört auch die Diskussion, die sich an die 
Stelle „because red is the colour of Mr. Jefferson's ****, Tom 
Paine's nose, and my slippers" (Salm. 10) knüpft. Ir- 
ving beabsichtigt damit, gewissen Leuten, die hinter Allem 



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— 26 — 



etwas suchen, „always smelling a rat in the most trifling- 
occurrejice einen Hieb zu versetzen. Mr. Ichabod Fungus 
nimmt an der obigen Stelle Anstoss, 

„hc did not know what to think of it — he hopcd it did not 
mean anything against thc Governement — that no lurking treason 
was COUched in all this talk. These were dangerous timcs-times 
of plot and conspiracy; he did not at all like those Stars alter Mr. 
Jcfferson's name; they had an air of concealment*' (Sahn. 16/17). 

Dick Paddle sucht ihm dies auszureden, 
„those stars merely stood for Mr. Jeffcrson's red what d'ye- 
caU'enis; and that so far from a conspiracy against their peace and 
prosperity. the anthors. whom he knew very well, were only cxpro- 
sing their high respect for thcni. Thc old man shook Iiis head. 

» 

shrttgged Iiis Shoulders, gave a mysterious Lord Burleigh nod. said 
hc hoped it might be so; but hc was by no means satisfied with 
this attack upon the President's hreeches as .thereby hangs a tale' " 
(Salm. 17). 

Auch für diese Szene lässt sich bereits im Spcctator ein 
Vorbild nachweisen. Im Sp. 567 sind in mehreren W orten 
einzelne Buchstaben ausgelassen und an Stelle von Namen 
Sternchen gesetzt. So erscheinen z. B. : „Ch-rch" : 
,,P-dd-ng"; „my lady O-p-t-s"; „every one will agree with 
nie, who hears me name *** with bis first friend and favou- 
rite ***, not to mention *** nor ***". Hierüber entspinnt sich 
nun eine lebhafte Debatte ( Sp. 568). Die Absicht des 
Spectators mit diesem Essay ist die, eine bestimmte Klasse 
von Menschen zu geissein und lächerlich zu machen, die. 
wie er sagt, ,,smells treason and sedition in the most inno- 
cent words that can be put together." 

Ich glaube in dem bisher Dargestellten, um noch ein- 
mal kurz zu resümieren, eine starke Einwirkung des Spec- 
tators auf Salmagundi in formeller und stofflicher Hinsicht 
dargelegt zu haben. Aber auch in der Gestaltung der Cha- 
raktere lassen sich die Spuren des Spectators verfolgen. 

c) Uebereinstimmungen in den Charakteren. 

Da Irving die Gestalten des Spectators nicht einfach 
abklatscht, sondern Züge von literarischen Vorbildern mit 
solchen von Personen aus seinem Bekanntenkreis verbindet. 



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so müssen wir uns begnügen, den einen oder den andern 
Zug bei einer Person auf sein literarisches Vorbild zurück- 
führen zu können. Leider geben uns die Briefe Irvings 
keine Aufklärung, inwieweit er wirklich Erlebtes bei der 
Gestaltung der Charaktere mitbenutzt hat. 

Nur in einem Falle sind wir in der Lage, dieses Ver- 
hältnis näher zu bestimmen. Es handelt sich um Laim- 
celot Langstaff. Einerseits erkennen wir Züge des 
Spectatorsbei ihm wieder, andrerseits hat Irving Züge 
von Joseph Dennie, den er in Philadelphia kennet 
lernte, auf ihn übertragen. 

Dass die Person des Spectators, der im Vorder- 
grund der moralischen Zeitschrift steht, und dessen Per- 
sönlichkeit uns fast auf jeder Seite entgegentritt, auf Ir- 
ving eingewirkt hat, ist erklärlich. Wo das Menschen 
gedränge am dichtesten ist, findet er sich als aufmerksamer 
Beobachter ein. Bald sitzt er bei Will's in Gesellschaft von 
Politikern, bald raucht er eine Pfeife hei Child's und lauscht 
der Unterhaltung an den verschiedenen Tischen. Wo Ge- 
lehrte, Schöngeister, Künstler, Soldaten, Wechseljuden sich 
zu versammeln pflegen, ist er zu finden. Morgens geht er 
auf die Börse, abends in das Theater von Drury-Lane und 

Haymarket. Aber überall ist er nur der stille Beobachter. 

„Thus I live in the word rather as a Spectator of mankind. 
than as one of the species, by which means I have made myself a 
speculative statesman. soldier. merchant and artisan, without ever 
meddling with any practica! part in life" (Sp. i). „Mais s'il fermc 
sa bouche. il a les yeux et l'esprit ouverts" (Beljame 285). 

Nur in einem kleinen Freundeskreise öffnet er seinen 
Mund und gibt die gesammelten Erfahrungen kund. 

Diese Gestalt hat eine Reihe von Zügen für Laun- 
celot Langstaff abgegeben. Langstaff sucht gern 
Veranstaltungen auf, wo viele Leute zusammenkommen, 
denn seine Lieblingsbeschäftigung ist das Studium des 
menschlichen Charakters, und dazu findet er eben hier reiche 
Gelegenheit. 

.,] love to open the great volunie of human character: to nie 
the examination of a beau is more interesting than that of a daffodil 



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— 28 — 



or narcissus; and I feel a thousand times more pleasure in catching 
a new view of human nature, than in kidnapping the most gorgeous 
butterfly" (Salm. 137). 

Aber er mischt sich unter die Leute „more as a spec- 
tator than an actor" (Salm. 91). Mit besonderem Ver- 
gnügen erscheint er bei Christopher Cockloft, denn die bunt 
zusammengewürfelte Gesellschaft, die er oft hier antrifft, 
bietet ihm reichen Stoff für seine Beobachtungen. 

„The variety of Company thus attracted is particularly pleasing 
to nie; for being considered a privileged person in the family, I can 
sit in a corner, indulge in my favourite amusement of observatio 
and retreat to my elbow-chair, like a bee to his hive, whenever 
havc collected sufficient food for meditation" (Salm. 138). 

Ist Langstaff aber im Kreise seiner Freunde, dann gibt 
er die Rolle auf, die er im öffentlichen Leben spielt, und 
ist ein lustiger Genosse. 

„Ardent and sincere in his attachments, which are confined 
to a chosen few, in whose society he loves to give free scope to his 
whimsical imagination" (Salm. 91). 

Hiermit verbindet Irving Züge, die er von seinem be- 
kannten Joseph D e n n i e entlehnt. Joseph Dennie war 
damals ,,in high repute as the author of the Lay Preacher 
and conductor of the Portfolio, and next to Charles Brock- 
den Brown, the first American writer who made a profes- 
sion of literature" (Life and Letters I 104). Da dies der 
einzige Fall ist, wo wir zeigen können, wie Irving literarisch 
Ueberkommenes mit Erlebtem verwoben und auf eine Per- 
son übertragen hat, so möge die betreffende Stelle hier 
folgen : 

„Langstaff inherited from his Father a love of literature, a 
disposition for castle-building, a mortal enmity to noise, a sovereign 
antipathy to cold weather and brooms, and a plentiful stock of 
whim-whams. From the delicacy of his nerves he is peculiarly 
sensible to discordant sounds; the rattling of a wheelbarrow is 
„horrible"; the noise of children „drives him distracted"; and he 
oncc left excellent lodgings, merely because the lady of the house 
wore high-heeled shoes, in which she clattered up and down stairs, 
tili, to use his own emphatic expression, „they made life loathsomc' 1 
to him. He suffers annual martyrdom from the razor-edged zephyrs 
of our „balmy spring", and solemnly declares that the boasted 
mouth of May has bccome a perfect „vagabond". As some pcople 



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29 - 

• 

have a great antipathy to cats, and can teil when one is locked up 
in a closet, so Launcelot declares his feelings always announce to 
him the neighbourhood of a broom — a house - hold implement 
which he abominates above all others. Nor is there any living 
animal in the world that he holds in more utter abhorrence than 
what is usually termed a notable housewife; a pestilent being, who, 
he protestes, is the bane of good fellowship, and has a heavy charge 
to answer for the many offences committed against the ease, com- 
fort, and social enjoyments of sovereign man. He told me, not 
long ago, that he had rather see one of the weird sisters flourish 
through his key-hole on a broomstick, than one of the servant maids 
jmter the door with a besom" (Salm. 91). 

Irvings Neffe bemerkt zu dieser Stelle : 
„Dennie had all r the nervotis irritability here ascribed to Lang- 
staff. and when he read this extract, he saw that he had been sitting 
for his likeness and afterwards acknoledged to the author with 
evident gratification the truth of the portraiture" (Life and Let- 
ters I 104). 

Enger schliesst sich Irving an den Spectat or an in der 
Gestalt des Anthony Evergreen. Das literarische 
Vorbild im Spcctator ist Will Honeycomb, eine Fi- 
gur, deren Einfluss sich auch in den späteren Werken Ir- 
vings noch bemerkbar macht. Beide repräsentieren den 
Typus des ewig jungen, verliebten Junggesellen, der nicht 
altert, sondern sich stets der gleiche bleibt. Wo Damen 
zusammenkommen, da sind auch sie zu treffen. Der Gegen- 
stand ihrer Betrachtungen ist die Mode und das Leben und 
Treiben der Damen; für etwas anderes haben sie kaum 
Interesse. 

„This gentleman (Evergreen), from his long experience in the 
routine of balls, teaparties, and assemblies, is eminently qualified 
for the task he has undertaken. He is a kind of patriarch in the 
fashionable world, and has seen generation after generation pass 
away into the silent tomb of matrimony, while he remains unchan 
geably the same. He can recount the amours and courtships of the 
fathers, mothers. uncles, and aunts, and even grand-dames of all the 
belles of the present day" (Salm. 4). 

Seine Verwandtschaft mit Will Honeycomb 

drückt Evergreen selbst aus in den Worten : 

„Poor Will Honeycomb, whose memory I hold in special 
consideration . . ." (Salm. 10). 



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— 3 o — 

' 

Neben dem Spectator und Will Honeycomb tritt aus 
dem Rahmen des Klubs eine dritte Gestalt hervor, S i r 
R o g e r d e Coverley, die ebenfalls auf die Charakter- 
bildung Irvings einen bedeutenden Einfluss ausgeübt hat. 
Offenbar hat für Christop her Cockloft Sir Roger 
de Coverley als Vorbild gedient. Schon die Art und Weise, 
wie beide in die betreffenden Werke eingeführt werden und 
die Rolle, die sie hier spielen, ist auffallend ähnlich. 

Sir Roger fordert den Spectator auf, ihn auf seinem 
Landgut zu besuchen ; dieser folgt der Einladung und 
schreibt von hier aus seine Beobachtungen über Sir Roger 
und seine Umgebung. In Salmagundi wird Christopher 
Cockloft durch Langstaff eingeführt; dieser ist mit den 
Cocklofts verwandt und ein gern gesehener Gast in ihrem 
Hause. Was er in dieser Familie hört und sieht, das bietet 
er dem Leser zur Unterhaltung. 

Eie Grundzug im Charakter des Sir Roger de 
Coverley ist seine Herzensgüte und seine Gastfreund- 
schaft. Diese edeln Eigenschaften sind auch ein Haupt- 
moment im Wesen des Christopher Cockloft: 

,, Honest Christopher is one of those hearty old cavaliers who 
pride themselves upon keeping up the good, honest, unceremonious 
hospitality of oM times. He is never so happy as vvhen he has 
drawn about him a knot of Sterling hearted associates, and sits at 
the head of his table dispensing a warm, cheering welcome to all" 
(Salm. 137/138). 

Nicht nur seine Freunde und Bekannten erfahren seine 
Gastfreundschaft, auch selbst der ärmste Mann verlässt das 
Haus nicht, ohne zu einem Glase Wein eingeladen zu 
werden. 

Eine so treffliche Gesinnung weiss seine Umgebung in 
der richtigen Weise zu würdigen, er wird von allen geliebt 
und geehrt. Die Dienstboten empfinden ihr Dienstverhält- 
nis nicht drückend, meist sind sie schon von früher Jugend 
an in der Familie. Mit den benachbarten Farmern steht 

er im besten Einvernehmen. 

„They never pass him by without his inquiring into the welfare 
of their fainilicü, and recciving a cordial shake of his liberal hand" 
(Salm. 65). 



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— 3i ~ 



Das Gleiche erfahren wir von Sir Roger. Man 
vergegenwärtige sich nur die Anhänglichkeit und Ehr- 
furcht, die ihm entgegengebracht wird. Die Dienstboten 
sind in seinem Dienst ergraut. An ihrem Wohlergehen 
nimmt er regen Anteil. 

In ihren politischen Ansichten aber sind beide etwas 
intolerant. 

Sir Roger de C o v e r 1 y besucht nie eine Wirt- 
schaft, deren Besitzer hei der allgemeinen Wahl für einen 
Whig stimmte, und zieht es eher vor, mit schlechter Ver- 
pflegung sich zufrieden zu geben. Christophei 
C o c k 1 o f t , dessen gewinnende Herzensgüte jeder er- 
fährt, der mit ihm in Berührung kommt, hat zwei Klasser 
von Menschen, mit denen er nichts zu tun haben will, di' 
Franzosen und die Demokraten. 

„The olcl gentleman cousiders it treason against the majesty 
of good broeding to spcak to any visitor with his hat on: but the 
moment a Deniocrat enters is door, he forthwith bids his man 
Pcmpey bring his hat, puts it on his head, and Salutes him with 
an appaling 'Well, Sir, what do you want whit nie'?" (Salm. 65). 

Vielleicht ist der Spcctator auch für Caesar, den 
Diener des Christopher Cockloft, vorbildlich gewesen. Von 
Caesar heisst es : 

„Assumes, when abroad, his master's style and title" (Salm. 
192). 

Diese Stelle erinnert sehr an eine ähnliche im Spec- 
tator : 

„It is a common humour among the retinae of people of 
quality when they are out of their master's sight, to assume in a 
humorous way the names and titles of those whose liveries they 
wear" (Sp. 88). 

Es ist möglich, dass dieser Essay, der mit feinem Hu- 
mor geschrieben ist, und in dem diese Gewohnheiten ver- 
lacht werden, Irving zu dem betreffenden Charakterzug 
Caesars angeregt hat. 

Für die w e i b 1 i c h e n C h a r a k t e r e , die übrigens 
ziemlich zurücktreten, lassen sich keine bestimmten Bezie- 
hungen zum Spectator feststellen. 



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- 32 — 

Meist werden von Irving Frauen in vorgerückten Jah- 
ren mit den ihrem Geschlechte anhaftenden Schwächen dar- 
gestellt. Die a 1 1 e J u n g f e r, denn um diese handelt es 
sich hauptsächlich, erscheint zwar auch schon im Spectator, 
aber dies« Figur ist doch eigentlich erst in der folgender 
Zeit von den grossen Romanschriftstellern wirklich aus- 
gebildet worden, so dass man hier eher an eine Beziehung 
zu diesen denken könnte, obgleich sich auch hierüber nichts 
Bestimmtes sagen lässt. 

Ein charakteristischer Zug der „old maids" bei Irving 
ist der l dass sie nicht alt sein wollen ; deshalb suchen sie ihr 
wirkliches Alter durch alle möglichen Mittel zu verbergen. 
Die beiden Miss Cockloft, „the younger being 
somewhat on the shady side of thirty", werden noch immer 
zu ihrem Gefallen als die jungen Damen betrachtet, „who, 
having purloined and locked up the family bible, pass for 
just what age tley please to plead guilty to" (Salm. 66). 
A u n t C h a r i t y ist in ihrem 59. Lebensjahre gestorben, 
obgleich sie nach ihren Angaben nie älter geworden ist als 
fünfundzwanzig Jahre. 

Dieser Zug begegnet uns mehrfach in der Literatur 
des 18. Jahrhunderts. Wir finden ihn im Spectator, hier 
allerdings bei einem Manne. Will Honeycomb, der 
verliebte Junggeselle, gibt nie sein Lebensalter richtig an; 
stets muss man eine Reihe von Jahren hinzuzählen, um sein 
wirkliches Alter zu bekommen. Erst nach seiner Verhei- 
ratung rückt er mit der Wahrheit heraus. 

S. Richardson zeichnet eine solche alter Jungfer 

in seiner Pamela in der Mrs. J u d y S w y n f o r d. Mit 

allen ihr zu Gebot stehenden Mitteln sucht sie die Spuren 

des Alters zu verwischen. 

„She takes particular care, that of all the public transactions 
which happen to be talked of. her memory will never carry her 
bach above thirty years; and then it is, about thirty years ago. 
when 1 was a girl, or, when I was in hanging sleeves" (Pamela 
S. 368). 

Mrs. Grizzle, in Smolletts Peregrine Pickte er- 
klärt bei der Hochzeit ihres Bruders für diejenigen, die sich 



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33 



vielleicht dafür interesseren würden, dass sie nur drei Jahre 
älter sei als die Braut. „Though, had she added ten to the 
reckoning, she would have committed no mistake in point 
of computation." 

Ich glaube, dass die vorliegenden Erörterungen hin- 
reichend sind, um die engen Beziehungen Irvings zum Spec- 
tator in seinem Jugendwerke Salmagundi zu zeigen. 

2. Sketch Book und Bracebridge Hall. 

Die Einwirkungen des Spectators auf Irving kommen 
aber mit seinem Erstlingswerke nicht zu Ende, sondern sie 
halten auch in den reiferen Werken, im Sketch Book und 
in Bracebridge Hall, noch an. 

Vor allem lässt sich der Einfluss des Spectators in der 
Charakterbildung verfolgen. Sir Roger de 
C o v e r 1 e y , jene glänzende Erscheinung im Spectator. 
durch deren Schaffung Addison sich eine dauernde Stel- 
lung in der englischen Literatur erworben hat, hat Irving 
sicher deutlich vor Augen geschwebt bei der Abfassung von 
Sketch Book und Bracebridge Hall und hat eine Reihe von 
Zügen für seinen Squire Bracebridge abgegeben. 

Beide repräsentieren den Typus des gastlichen Land- 
edelmanns. 

Diese Gestalt, die Addison mit Sir Roger in 
die englische Literatur einführte, hat einen nachhaltigen 
Einfluss gehabt. So erscheint sie z. B. in der folgenden 
Zeit bei F i e 1 d i n g, bei S m o 1 1 e 1 1, und selbst in den 
Anfangswerken von Charles Dickens lassen sich 
noch Beziehungen zu Sir Roger feststellen. Dass gerade 
diese Gestalt, die von Addison am ausführlichsten und mit 
der grössten Wahrheitstreue dargestellt worden ist, mehr- 
fach auf Irving eingewirkt hat, ist wohl begreiflich. 

Sir Roger de Coverley und SquireBrace- 
b r i d g e sind beide von einem glühenden Ahnenstolz be- 
seelt. 

i 

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— 34 — 



„is a gentleman who does not a little value himself upon his 
ancient descent" (Sp. 109). 

In seinem Haus hat er einen besondern Raum, in dem 
die Bilder seiner Ahnen, deren Lebensgeschichte er mit 
besonderm Stolz erzählt, aufgehängt sind. S q u i r e 
Bracebridge gehört zu jener Klasse, 

„who though destitute of titled rank, maintain a high ancestral 
pridc; who look down upon all nobility of recent creation, and would 
consider it a sacrifice of dignity to merge the venerable name of 
their house in a modern title" (Br. H. 6/7). 

Auch er besitzt eine Ahnengalerie. In der „Hall" 
sind zahlreiche Familienerinnerungen aufbewahrt. So be- 
merken wir an der Wand die Rüstung eines Kreuzfahrers, 
mehrere Reiterstiefel, „that belonged to a set of cavaliers, 
who filled the Hall with the din and stir of arms during 
the time of tle Covenanters" (Br. H. 23). Als Erinnerung 
an zwei trinklustige Vorfahren sieht man einige überaus 
grosse Trinkgefässe ; an einen eifrigen Jäger erinnern die 
Jagdtrophäen. Mit besonderm Stolz blickt er auf die alten, 
ehrwürdigen Bäume in seinem Park. 

„'An avenue of oaks or elms', the squire observes, 'is the 
true colonnade that shold lead to a gentleman's house. As to stone 
and marble, any one can rear them at once, they are the work of 
the day; but commend me to the colonnades that have grown old and 
great with the family, and teil by their grandeur how long the 
family has endured' " (Br. H. 55). 

Gegen Staat und Kirche zeigen sie sich als treue Die- 
ner. Ihr stolzes Nationalbewusstsein, verbunden mit der 
hohen Auffassung ihrer Pflichten, lässt sie als eifrige Pa- 
trioten erscheinen. Sir Roger 

„in the triumph of his heart made several reflections on the 
greatness of the British nation; as, that one Englishman could 
beat three Frenchmen; that we could never be in danger of popery 
so long as we took care of our fleet; that the Thames was the 
noblest river in Europe; that London Bridge was a greater piece 
of work than any of the seven wonders of the world; with many 
other honest prejudices which naturally cleave to the heart of a 
true Englishman" (Sp. 383). 



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— 35 — 



In der richtigen Erkenntnis der Bedeutung Englands 
in der Welt ist B r a c e b r i d g e bestrebt, seine Söhne zu 
trefflichen Engländern heranzuziehen. 

An English gentleman should not be a mere man of pleasure. 
He has no right to seif indulgence. His ease, his leisure, his opu- 
lence, are debts due to his country, which he must ever stand ready 
to discharge. He should be a man at all points; simple, frank, 
courteous, intelligent, accomplished, and informed; upright, intrepid, 
and disinterested, one that can mingle among freemen; that can cope 
with statesmen; that can champion his country and its rights either 
at home or abroad" (Br. H. 89). 

Zu diesem Zweck führt er ihnen einige hervorragende 
Männer aus der englischen Vergangenheit vor. Wyatt, 
Surrey, Sidney und Raleigh sollen ihre Vorbilder sein.. 

Praktisch betätigen sich die beiden Männer für den 
Staat, indem sie für die Aufrechterhaltung der Ruhe und 
Ordnung in ihrer Umgebung sorgen. Sir Roger ist 
„justice of the peace". Squire Bracebridge „is 
in the commission of the peace" (Br. H. 240). Daneben 
sind sie beide „good church-men". Sir Roger hat einen 
eignen „chaplain", mit dem er aufs engste befreundet ist. 
Das Innere der Kirche hat er auf eigne Kosten ausge- 
schmückt. Jeder Kirchgänger hat ein Kissen und ein Gebet- 
buch. Zur Hebung des Kirchengesanges ist ein Lehrer von 
ihm aufgestellt worden, der bei den Leuten herumgehen und 
sie in den Melodien der Psalmen unterrichten soll. Für den 
regelmässigen Besuch des Gottesdienstes geht er allen als 
leuchtendes Beispiel voran. Von seinen Untergebenen er- 
wartet er denselben Eifer, und sollte einmal jemand aus 
irgend einem Grunde den Gottesdienst versäumen, so ent- 
geht dies sicher seinem wachsamen Auge nicht. Den glei- 
chen frommen Sinn finden wir auch beiSquireBrace- 
b r i d g e. 

Er hat eine eigne Hauskapelle, in der jeden Sonntag 
eine kleine Andacht abgehalten wird, zu der der ganze 
Haushalt sich versammeln muss. Mit dem Pfarrer des 
benachbarten Dorfes steht er im besten Einvernehmen; er 
ist ein gern gesehener Gast im Hause Bracebridge. 



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Der Grundzug im Charakter beider Gestalten, der sie 
eng miteinander verbindet, ist ihre Güte. 

Diese tritt zunächst hervor in der Gastfreundschaft 
gegen Fremde. Sir Roger de Coverley hat den 
Spectator in uneigennütziger Weise eingeladen und bewirtet 
ihn gastlich mehrere Wochen in seinem Hause. — 
Squire Bracebridge „is a bigoted devotee of the 
old school, and prides himself upon keeping up something 
of old English hospitality" (Sk. B. 144). Sein Benehmen 
gegen Freunde ist so liebenswürdig und ungezwungen, dass 
man sich an seinem Herde sofort heimisch fühlen kann. 

Ganz besonders äussert sich dieses edle Wesen im 

Kreise der Familie. Sir Roger ist seinen Dienstboten 

der beste Herr ; höchst selten hat einer ihn verlassen, meist 

sind sie in seinem Dienste und mit ihrem Herrn ergraut. 

„You would take his valet de chambre for his brother, his 
butler is grey-headed, his groom is one of the gravest men that 
I have ever seen, and his coachman has the looks of a privy-coun- 
sellor" (Sp. 106). 

Die Dienstboten ihrerseits lieben und verehren ihren 

Herrn, der ihnen mehr ein Vater als ein Meister ist. Seine 

Rückkehr erfüllt alle mit Freude, ja einigen kommen die 

Tränen in die Augen aus Freude über das Wiedersehen. 

Stets sind sie ihm bereitwillig zur Seite und führen mit 

Vergnügen seine Verordnungen aus. 

„His Orders are received as favours rather than duties; and 
the distinction of approaching him is part of the reward for exe- 
cuting what is commanded by him" (Sp. 107). 

Meist belohnt er sie damit, dass er sie als 'tenants 

auf seine Güter setzt. Auf diese Weise befindet sich der 

grösste Teil seiner Güter in den Händen von Leuten, die 

einmal ihm oder seinen Vorfahren gedient haben. — In 

noch weit höherem Masse entfaltet sich die Güte des 

Squires Bracebridge in seinem Heim. 

„It was really delightful to see the old squire seated in his 
hercditary elbow chair, by the hospitable fireplace of his ancestors, 
and looking around him like the sun of a System, beaming warmth 
and gladness to every heart. Even the very dog that lay stretched 
at his feet, as he lazily shifted his position and yawned, would 



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— 37 — 



look up in Iiis master's face, wag his tail against the fioor, and Stretch 
himself again to sleep, confident of kindness an protection' 
(Sk. B. 148). 

Die Dienstboten werden als Angehörige der Familie 
betrachtet. Sie besitzen einen grossen Einfluss bei ihrem 
Herrn, denn meist sind sie schon von früher Jugend an 
in seinem Dienste. Mit seinen ,tenants* ist er eng befreun- 
det: er nimmt ein reges Interesse an ihrem Fortkommen 
und Gedeihen, und wenn einer einmal in Schwierigkeiten 
kommt, dann unterstützt er ihn bereitwillig, soweit es in 
seinen Kräften steht. 

Eine Jahreszeit bietet vor allem Gelegenheit zur Frei- 
gebigkeit; es ist dies die Weihnachtszeit. Hierbei zeigt 
sich wohl ihre Güte von der schönsten und reinsten Seite. 
Sir Roger feiert Weihnachten nach alter Sitte. Seine 
Nachbarn werden reichlich von ihm beschenkt; besonders 
gedenkt er an diesem Tage der Armen. 

I have often thought, says Sir Roger, it happens very well 
that Christmas schould fall out in the middle of winter. It is the 
most dead uncomfortable time of the year, when the poor people 
would suffer very much from their poverty and cold, if they had not 
good cheer, warm fires, and Christmas gambols to support them. 
I love to rejoice their poor hearts at this season, and see the 
whole village merry in my great hall. I allow a double quantity 
of malt to my small-beer, and set it a running for twelve days to 
every one that calls for it. I have always a piece of cold beef and 
a mince - pie upon the table, and am wonderfully pleased to see my 
tenants pass away a whole evening in playing their innocent tricks, 
and smutting one another" (Sp. 269). 

Im Sketch Book hat Irving seine Weihnachtsgeschich- 
ten an die Person des Squire Bracebridge ge- 
knüpft. Ich glaube, wir dürfen bestimmt annehmen, dass 
er die Anregung zur Darstellung der Sitten und Gebräuche 
in der Weihnachtszeit von dieser Stelle des Spectators er- 
halten hat. Die Skizzen selbst beruhen auf eifrigem Stu- 
dium alter Quellen, wie er sie im Britischen Museum vor- 
fand. „I cannot say, but it has cost me more trouble and 
odd research than any of the others" (Life and Letters I 
261). Daneben hat er auch eigne Beobachtungen der 



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- 3« - 



Sitten und Gebräuche verwertet. Squire Bracebridge er- 
scheint hier als der milde, gütige Spender, der bestrebt ist, 
allen die Weihnachtszeit möglichst angenehm zu gestalten. 
Er feiert das Fest nach altem Herkommen; all die Sitten 
seiner Vorfahren leben in seinem Hause wieder auf. 

Könnte man eventuell gegen den einen oder den 
andern Punkt einwenden , dass er weniger auf der 
Einwirkung des Spectators beruhe , sondern viel- 
mehr aus der Behandlung des gleichen Stoffes hervorgehe, 
so treten die engen Beziehungen Irvings zum Spectator 
besonders deutlich in folgendem Zuge hervor. 

Sir Roger de Coverley kehrt, wie wir schon 
oben S. 31 sahen, nie in einem Wirtshaus ein, dessen Be- 
sitzer ein 'Whig' ist. Er begnügt sich lieber mit einem 
harten Bett und schlechter Verpflegung, wenn nur der 
Wirt mit seinen politischen Ansichten übereinstimmt. — 
Dieser Zug kehrt auch bei Bracebridge wieder, nur 
ist er dem ganzen Wesen des Squires entsprechend etwas 
variiert. Bracebridge ist ein leidenschaftlicher Verehrer 
alles Altertümlichen. Wenn er reist, dann kehrt er nicht 
etwa in den modernen Gasthäusern ein, wo er gut auf- 
gehoben wäre, sondern er steigt in alten, ehrwürdigen 
Wirtshäusern ab, selbst auf die Gefahr hin, dass er hier 
weniger gut bewirtet wird. 

,,Will cheerfully put up with bad cheer and bad accomo- 
dation in the gratification of his humour" (Br. H. 229). 

Die Einwirkung Sir Rogers auf die Charakter- 
bildung Irvings lässt sich auch bei zwei andern Gestalten 
noch verfolgen. Für beide gibt er denselben Zug ab, der 
so charakteristisch ist, dass wir an der Entlehnung vom 
Spectator kaum zweifeln können. 

General Harbottle und Master Simon 
fallen durch ihren Eifer während des Gottesdienstes auf. 
Der General nimmt es sehr genau mit religiösen Angelegen- 
heiten. 

„He repeats the responses very loudly in church, and is empha- 
tical in praying for the king and royal family" (Br. H. 29). 



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V 



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Master Simon steht während des Gottesdienstes, seine 

Antworten sind laut und deutlich, so dass man ihn sofort 

unter der Menge erkennen kann. 

„Düring service, Master Simon stood up in the pew, and re- 
peated the responses very audibly; evincing that kind of ceremo- 
nious devotion punctually observed by a gentleman of the old school, 
and a man of old family connections. I observed, too, that he 
turned over tle leaves of a folio prayer-book with something of a 
flourish; possibly to show off an enormous seal-ring which enriched 
one of his fingers, and which had the look of a family relic" 
(Sk. B. 158). 

Wer erinnert sich hier nicht anSirRogers liebens- 
würdige Wunderlichkeit, die Wichtigkeit seiner Person 
unter anderm besonders dadurch zu zeigen, dass „some- 
times he will be lengthening out a verse in the singing- 
psalms, half a minute after the rest of the congregation 
have done with it; sometimes when he is pleased with the 
matter of his devotion, he pronounces Amen three or four 
times to the säme prayer; and sometimes Stands up when 
every body eise is upon their knees, to count the congre- 
gation, or see if any of his tenants are missing" (Sp. 112). 

Beide Gestalten, Master Simon und General 
Harbottle, vereinigen in sich auch Züge der andern 
literarischen Persönlichkeit, die neben Sir Roger auf die 
Charaktere im Sketch Book und im Bracebridge Hall ein- 
gewirkt hat. Sie repräsentieren beide den Typus des ver- 
liebten Junggesellen, wie er im Spectator in der Person des 
Will Honeycomb 1 ) erscheint. Dieser hat offenbar 
Irving hier als Vorbild gedient. 

Sie ähneln sich zunächst im Aeussern. W r i 1 1 
Honeycomb hat fleissig Schönheitsmittel angewandt : 
er versteht es die Spuren des Alters zu verwischen. Auf 
seine Kleidung verwendet er grosse Sorgfalt, so dass er 
immer fein upd elegant daherkommt. — Was die beiden 
Gestalten bei Irving betrifft, so bemerken wir bei ihnen 

i) Berndt. Entstehungsgeschichte der Pickwick Papers. Diss. 
Greifswald 1008. S. 26/27. 



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dasselbe Streben, durch äussere Eleganz ihr wirkliches Alter 
zu verbergen. 

Master Simon 

„had an unusually fresh appearance; he had put on a bright 
green riding-coat; with a bunch of violets in the button-hole, and 
had the air of an old bachelor trying to rejuvenate himself 
(Br. H. 167). 

Auch General Harbottle legt grosses Gewicht 
auf seine Toilette. 

„He commonly passes some time, therefore, at bis toilet, and 
takes the field at a late hour every moming, with Iiis hair dressed 
out and powdered, and a rose in his button-hole" (Br. H. 28). 

Vor allem aber berühren sich die drei Junggesellen in 
der Schwärmerei für die Frauen. Will Honeycomb 
ist immer darauf bedacht, die Aufmerksamkeit der Damen 
zu erregen, ihnen zu gefallen und recht viele Eroberungen 
zu machen. Tiefere Gefühle für eine der Auserwählten hat 
er nicht. Bekommt er einmal einen Korb, so macht dies 
keinen grossen Eindruck auf ihn; er setzt sich leicht über 
sein Missgeschick hinweg und versucht sein Glück bei einer 
andern. — Master Simon ist ein ,family bean', der 
all den alten Damen und alten Jungfern, die in der Familie 
verkehren, bereits den Hof gemacht hat. Besondere Auf- 
merksamkeit widmet er der Lady Lillycraft. 

„Copies out little namby-pamby ditties and love-songs for 
her, and draws quivers, and doves, and darts, and Cupids, to be 
worked in the corners of her pocket - handkerchiefs" (Br. H. 38). 

In seiner Jugend hat er einen erfolglosen Antrag ge- 
macht, hat sich dieses aber nicht weiter zu Herzen ge- 
nommen, sondern spielt nach wie vor den verliebten Jung- 
gesellen. Hauptsächlich hat er es auf die jungen Mädchen 
abgesehen. Bald treffen wir ihn auf einer Wiese bei einer 
'buxom milk-maid', bald sehen wir ihn bei der jungen 
Zigeunerin, wie er „chucked her under the chin, played her 
off with rather broad jokes, and put on something of the 
rake-helly air, that we see now and then assumed on the 
stage by the sad-boy gentlemen of the old school" (Br H. 
93/94). Beim Maifest mischt er sich unter die Dorf- 
schönen und macht mit diesen allerlei Scherze. 



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41 — 



„Master Simon would give some of them a kiss on meeting 
with them, and would ask after their sisters, for he is acquainted 
with most of the farmers' families. Sometimes he would whisper, 
and affect so talk mischievously with them, and, if bantered on 
the subject, would turn it off with a laugh, though it was evident 
he liked to be suspected of being a gay Lothario amongst them" 
(Br. H. 201). 

Sein intimer Freund ist General Harbottle. 
Es ist begreiflich, class diese zwei Personen sich aneinander 
geschlossen haben, denn beide stehen sich ihrem ganzen 
Wesen nach sehr nahe. Seitdem der General die Armee 
verlassen hat, ist sein Hauptaugenmerk auf die Bäder ge- 
richtet. Hier spielt er den 'beau\ Sein Verkehr erstreckt 
sich besonders auf die Damenwelt, in der er sehr bekannt 
ist, wie er in allen Dingen, welche die Mode betreffen, wohl 
bewandert ist. „Indeed he talks of all the fine women of 
the last half Century" (Br. H. 28). Wir sehen, wie er mit 
Master Simon mit der 'buxom milk-maid' schäkert, und 
wie er sich am Maifest allerlei harmlose Spässe mit den 
hübschen Dorfmädchen erlaubt. 

„Master Simon and the old general reconnoitred the ground • 
togethcr, and indulged a vast deal of harmless raking among the 
buxom country girls" (Br. H. 201). 

Besondere Aufmerksamkeit widmet er der Lady Lilly- 
craft. Durch verschiedene Mittel sucht er ihre Gunst zu 
erlangen. Er erzählt ihr von seinen Kriegstaten oder 
nimmt sich in auffallend eifriger Weise ihrer Hunde an. 
Doch seine Bemühungen sind vergebens. Lady Lillycraft 
kehrt auf ihr Gut zurück, ohne den General zu einem Be- 
suche eingeladen zu haben. 

„The general, who was fishing in vain for an invitation to 
her seat, handed her ladyship into her carriage with a heavy sigh" 
(Br. H. 316). 

Ein weiterer Zug^ in dem die Junggesellen überein- 
stimmen, ist ihre geringe Geistesbildung. W i 1 1 H o n e y - 
comb prunkt mit seiner Weisheit, und doch ist es nicht 
weit her damit. Seine Essays, die er an den Spectator 
sendet, müssen erst von orthographischen Fehlern gereinigt 
werden, ehe sie dem Drucke übergeben werden können. 



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Das Studium der Galanterie ist seine Lehensaufgabe, für 

etwas anderes hat er kaum Interesse. 

„This Will looks upon as the learning of a gentlcman. and 
regards all other kinds of scicnce as the accomplishments of one 
whom he calls scholar. a bookish man, or a philosopher" (Sp. 105). 

Er sucht daher meist solche Gesellschaften auf, in 

denen er keine Gefahr läuft, sich durch Unwissenheit bloss- 

zustellen. Kommt es ihm aber dennoch einmal vor, dann 

weiss er immer geschickt die wirkliche Unwissenheit als 

eine scheinbare hinzustellen. Nur im Klub haben sie ihn 

einigemal in seiner Ignoranz ertappt. 

„Our club however has frequently caught him tripping, at 
which times they never spare him. For as Will often insults us 
with the knowledge of the town, we sometimes take our revenge 
upon him by our knowledge of books (Sp. 105). 

Master Simons Bibliothek besteht aus einigen 
Büchern über das Sportwesen. Diese liest er immer und 
immer wieder. Bei jeder Gelegenheit sucht er Zitate aus 
diesen anzubringen. 

„Master Simon's whole stock of crudition was confined to 
some half a dozen old authors, which the squire had put into 
his hands. and which he read over and over whenever he had a 
studious fit" (Sk. B. 156). 

Von Ovid hat er offenbar keine Ahnung. Der 'parson* 
hatte eine Stelle aus Ovid zitiert, „Master Simon was 
staggered by it; for he listened with a puzzeled air, and 
and then, shaking his head, sagaciously observed, that Ovid 
was certainly a very wise man" (Br. H. 247). — Auch 
bei General H a r b o 1 1 1 e ist es mit der Bildung 
schlecht bestellt. Lady Lillycraft citiert gern aus englichen 
Dichtern und lenkt öfters das Gespräch auf die Literatur, 
doch da Harbottle darin nicht bewandert ist, so sieht er 
sich bei diesen Gelegenheiten immer zum Schweigen ge- 
zwungen. Selbst von einem Werk wie Spenser's Fairy 
Queen weiss er nichts. Er macht zwar den Versuch, sich 
mit der Dichtung bekannt zu machen, schläft aber dabei 
ein. Trotz mehrerer weiterer Versuche kommt er nicht 
über die ersten Seiten hinaus. 



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— 43 — 



„T found him not long after in the library, with spectacles on 
nose, a book in his hand, and fast esleep. On my approach he awoke, 
slipt the spectacles into his pocket, and began to read very atten- 
tively. After a little while he put a paper in the place, and laid the 
volume aside, which I perceived was the Fairy Queen. I have had 
the curiosity to watch how he got on in his poetical studies; but 
though I have repeatedly seen him with the book in his hand, yet 
I find the paper has not advanced above three or four pages; 
the general bcing extremely apt to fall asleep when he reads" 
(Br. H. 73). 

Es wäre jetzt noch von einer Szene in Brace- 
bridgc Hall zu sprechen, die auffallend an eine Stelle 
im Spectator erinnert, mit der wir sie sicher in Beziehung 
bringen dürfen. In beiden Fällen erscheinen Zigeuner, 
die durch ihre Weissagungen den Dienstboten den Kopf 
verdrehen und vor allem die Hauptpersonen, Sir Roger 
bzw. Master Simon und General Harbottle, erregen durch 
ihre Prophezeiungen, die Anspielungen auf die Liebes- 
verhältnisse der betreffenden Personen enthalten. 

So sagt Sir Roger von den Zigeunern : 
„Set the heads of our servant-maids so agog for husbands, that 
we do not expect to have any business done, as it should be, whilst 
they are in the country. I have an honest dairy-maid who crosses 
their hands with a piece of silver every summer, and never fails 
being promised the handsomest young fellow in the parish for her 
pains. Your friend the butler has been fool enough to be seduced 
by them: and thongh he is sure to lose a knife, a fork, or a spoon 
every time his fortune is told him, generally shuts himself up in 
the pantry with an old gipsy for above an hour once in a twelve- 
month" (Sp. 130). 

Auch Sir Roger lässt sich von ihnen die Zukunft vor- 
aussagen. Er erfährt, „that he had a widow in his line of 
life" (Sp. 130). Da die Zigeunerin merkt, dass er mit 
dieser Antwort zufrieden ist, sagt sie weiter, „that his true- 
love was constant, and that she schould dream of him to 
night". „That he was a bachelor, but would not be so 
long; and that he was dearer to somebody than he 
thought." Aufgefordert fortzufahren, schiesst sie ihre 
Weissagungen mit den Worten : „that roguish leer of yours 
makes a pretty woman's heart ache ; you hav'nt that simper 



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— 44 - 



about the mouth for nothing 4 * (Sp. 130). Sichtlich erfreut 
darüber gibt er der Zigeunerin ein Geldstück. „As we were 
riding away, Sir Roger told me, that he knew several sen- 
sible people vvho believed stränge things; and for half an 
hour together appeared more jocund than ordinary" 
(Sp. 130). — In Bracebridgc Hall halten sich die Zigeuner 
ebenfalls hauptsächlich an die Dienstboten ; denn sie wissen, 
dass sie hier meistens ein bereites Ohr und das nötige Geld 
finden. 

„The) r are continually hovering about the grounds, telling 
the servant girls' fortunes" (Br. H. 175)- 

Deutlicher treten die Beziehungen hervor in den Pro- 
phezeiungen, die sie General Harbottle und Master Simon 
machen. 

Die Zigeunerin versucht zuerst ihr Glück mit dem G e - 
n e r a 1 ; als dieser aber merkt, dass sie Geld verlange, will 
er sich zurückziehen. Doch sie weiss geschickt seine Neu- 
gierde zu erregen. ,,'Come, my master, said the girl 
archly, 'youd not be in such a hurry, if you knew all that 
I could teil von about a fair ladv that has a notion for you. 
Come, Sir, old love bums strong; there s many a one comes 
to see weddings that go away brides themselves !' 44 Durch 
diese Worte umgestimmt folgt er ihr willig hinter eine 
Hecke, hört ihr aufmerksam zu, „and at the end paid her 
half-a-crown with the air of a man that has got the worth 
of his money (Br. H. 93). Diese Weissagungen sind nicht 
ohne Eindruck auf ihn geblieben. „He kept a wary silence 
towards us 011 the subject, and affected to treat it lightly ; 
but I have noticed that he has since redoubled his atten- 
tions to Lady Lillcraft and her dogs 44 (Br. H. 175). Bei 
Master Simon kann sie nichts ausrichten, denn er 
„was too old a bird to be caught. knowing that it would 
end in in attack upon his purse, about which he is a little 
sensitive 44 (Br H. 93). Sie rächt sich daher an ihm, in- 
dem sie ihn an sein entschwundenes Glück erinnert. „'Ah, 
your honour', said the girl, with a malicious leer, ,you were 
not in such a tantrum last year when I told you about the 



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— 45 — 



widow you know who; but if you had taken a friend's 
advice, you'd never have come away from Doncaster races 
with a flea in your ear!' " (Br. H. 94). Master Simon 
fühlt den Hieb. „He jerked away his hand in a pet 
smacked his whip, whistled to his dogs, and intimated thar 
it was high time to go home" (Br. H. 94). 

Ich glaube, dass die vorliegenden Untersuchungen über 
das Verhältnis Irvings zum Spectator seine engen Be- 
ziehungen zu diesem Werke zur Genüge klargelegt haben. 

II. Goldsmith. 

Neben dem Spectator hat vor allem Oliver Gold- 
smith einen nachhaltigen Einfluss auf Irving ausgeübt. 
Es ist erklärlich, dass dieser Autor, der zu den Lieblings- 
schriftstellern Irvings gehörte, und den er während seines 
ganzen Lebens mit Vergnügen las, Spuren in Irvings Wer- 
ken zurückgelassen hat. 

„An Author whose writings were the delight of my childhood, 
and have bcen a source of enjoyment to me throughout life" (Vor- 
rede zu The Life of Goldsmith). 

Irving leugnet zwar jegliche Beziehung zu Goldsmith, 
aber auch hier liefern uns seine eignen Werke gegen seine 
Aussage den Beweis, dass wirklich Goldsmith auf ihn ein- 
gewirkt hat. 

1. The Citizen of the World und die Briefe 

des Mustapha. 

TJw Citizen of the World hat als Vorlage gedient für 
die Briefe des Mustapha Rub-a-dub.Keli 
Khan an seine Freunde in der Heimat. 

Das Gemeinsame in beiden Fällen ist die Darstellung 
englischer bzw. amerikanischer Einrichtungen und Gewohn- 
heiten durch einen Ausländer, der plötzlich einer ihm frem- 
den Kultur entgegentritt, alles nach seinem Masstabe be- 
urteilt und die Eindrücke den Angehörigen in der Heimat 



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- 46 - 

brieflich mitteilt. Diese Beobachtungen sind von unserm 
Standpunkt aus zum Teil sehr naiv, enthalten aber im Grund 
manchen satirischen Hieb. Goldsmith sagt in der Month- 
iy Review von Montesquieu's Lettres Persanes, an die er 
sich anlehnte: „The success of the Persian Letters arose 
from the delicacy of their satire. That satire which in the 
mouth of an Asatic is poignant, would loose all its force 
when Coming from an European" (Black, Goldsmith 50) *). 

Wir haben übrigens bereits im Spectator ein derartiges 
Beispiel (Sp. 50). Der Spectator bringt eine Uebersetzung 
der Notizen eines der „four Indian Kings", Sa Ga Yean 
Qua Rash Tow ; den Inhalt dieser Papiere, die sie vergassen 
mitzunehmen, bilden ihre Eindrücke und Erlebnisse in 
London. „Contain abundance of very odd observations" 
(Sp. 50). 

Aber im Unterschied zu diesem Essay sind Goldsmith 
und Irving bestrebt, dem Stil der Berichte ein fremdartiges 
Gepräge zu geben, ihn mehr mit der Person des Schreibers 
in Verbindung zu bringen. Ich glaube, dass dies Irving 
besser gelungen ist als Goldsmith. Seine Nachahmung des 
orientalischen Stiles ist zum Teil eine ganz glückliche. 

Beliebte Mittel, die Diktion des Orientalen zu erreichen, 
sind die Vergleiche, bildlichen Ausdrücke und Beschwörun- 
gen. Aus der grossen Anzahl der Beispiele seien einige 
hervorgehoben. Bei G o 1 d s m i t h : 

„Sure thou hast been nurtured by the bill of the Shin Shin, or 
sucked the breasts of the provident Gin Hiung. The melody of thy 
voice could rob the Chong Fou of her whelps, or inveigle the 
Boh that lives in the midst of the waters" (Letter 8). „The snow 
on the tops of Bao is not fairer than their cheeks; and their eyc- 
brows arc small as the line by the pencil of Quamsi" (Letter 3). 
„I am told the Lady Mayoress, on days of ceremony, carries one 
(tail) longer than a bell-wether of Bantam, whose tail you know 
is trundled along in a wheelbarrow" (Letter 81). „May Tien, the 
universal soul, take you under his protection, and inspire you with 
a superior portion of himself" (Letter 6). „By the head of Con- 
fucius" (Letter 24 und öfters). 

» 

1) W. Black, Goldsmith. (English Men of Letters.) 



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— 47 — 



Bei Irving treten diese stilistischen Mittel mehr 

hervor als bei Goldsmith. 

„Oh, Allah! shall thy servant never again return to his nativc 
land, nor behold his beloved wivcs, vvho bcam on his memory 
beautiful as the rosy morn of the east, and graceful as Mahomet's 
camel!" (Salm. 28). (The ladies) „are lovely as the houris that 
people the elysitim of true bclievers" (Salm. 28). „Their (women) 
lively prattlc is as diverting as the chattering of the red-tailed 
parrot; nor can the green-headed monkey of Timandi equal them 
in whim and playfulness" (Salm. 232). „I would still defy their 
fascinations, though they trailed after them trains as long as the 
gorgeous trappings which are dragged at the heels of the holy 
camel of Mecca, or as the tail of the great beast in our prophet's 
vision, which measured three hundred and forty-nine leagues, two 
miles, three furlongs, and a hand's breadth in longitude" (Salm. 234). 
„By the beard of the great Omar, who prayed three times to each 
of the one hundred and twenty-four thousand prophets of our most 
holy faith, and who never swore but once in his live, they actually 
swear!" (Salm. 28/29.) „By the beard of Mahomet . . (Salm. 53). 
„By the hump of Mahomet's camel" (Salm. 130). „By the nine 
hundred tongues of the great beast in Mahomets vision . . ." (Salm. 
109). „Health and joy to the friend of my heart! — May the angel 
of peace ever watch over thy dwelling and the star of prosperity 
shed its benignant lustre on all thy undertakings!" (Salm. 171). 

Es erhebt sich nun die Frage, ob es den beiden Autoren 
gelungen ist, ihre eigene Persönlichkeit hinter die ange- 
nommene Person des Ausländers zurücktreten zu lassen. 

Mit Recht bemerkt Ha z 1 i 1 1 zu The Citizen of the 
World: „There is another inconvenience in this assumption 
of an exotic character and tone of sentiment, that it pro- 
duces an inconsistency between the knowledge which the 
individual has time to acquire and which the author is bound 
to communicate. Thus the Chinese has not been in England 
three days before he is acquainted with the characters of the 
three countries which compose this kingdom, and describes 
them to his friend at Canton by extracts from the news- 
papers of each metropolis" (Hazlitt 160) 1 ). In der Tat 
bringt der chinesische Philosoph Lien Chi Altan g t 

i) W. Harzlitt. Lectures on the English Comic Writers. (The 
Temple Classics.) 



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- 4 8 



im Citizen of tle World in seinen Briefen anFumHoain 
in Pekin öfters nicht so sehr seine Eindrücke und Erleb- 
nisse zum Ausdruck, als vielmehr die Unzufriedenheit eines 
Europäers mit gewissen Erscheinungen seiner Zivilisation. 
Dabei zeigt er bisweilen eine Weite des Blicks, wie wir sie 
bei einem Fremden, der erst kurze Zeit in dem Lande sich 
aufhält, kaum erwarten können. Man vergleiche z. B. seine 
Bemerkungen über die ungenügenden Vorwände für das 
Blutvergiessen in dem gerade tobenden Kriege zwischen 
Frankreich und England, seine Angriffe auf die unfähige, 
verweltlichte und üppige höhere Geistlichkeit, die mit Ver- 
achtung auf ihre niedern Amtsbrüder herabsieht, seine Stel- 
lung der neuen religiösen Sekte gegenüber, die Verspottung 
der Quacksalber, seine Verurteilung der Strafgesetze, das 
Eintreten für Tierschutz gegenüber einer masslosen Grau- 
samkeit. 

Daneben erscheinen Themen, meist heiteren Inhalts, 
die ganz vom Standpunkte des Chinesen aufgefasst sind. 

An der Anzahl der Beispiele dieser Art will ich nur die 
hervorheben, die einen Gegenstand behandeln, der auch bei 
Irving in den Briefen des Mustapha wiederkehrt. Mit Vor- 
liebe wendet der Chinese seine Aufmerksamkeit der Damen- 
welt zu. Sein erster Eindruck von den Damen ist kein 
günstiger. Ihre ganze Erscheinung widerspricht dem 
Schönheitsideal eines Chinesen. 

„I shall never forget the beauties of my native city of Nanfew. 
How very broad their faces; how very short their noses; how 
very little their eyes; how very thin their lips; how very black 
their teeth; the snow on the tops of Bao is not fairer than their 
cheeks: and their eye-brows are small as the line by the pencil 
of Quamsi." . . . „but English women are entirely different; red 
cheeks, big eyes, and teeth of a most odious whiteness are not only 
seen here but wished for, and then they have such masculine feet 
as actually serve some for Walking" (Letter 3). 

Auffallend und lächerlich scheint ihm die Anwendung 

der Schönheitspflästerchen. 

„The like to have the face of various colours, as among the 
Tartars of Koreki, frequently sticking on, with spittle, little black 



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49 — 



patches on every part of it, except on the tip of the nose, which I 
have never seen with a patch" (Letter 3). 

Bezüglich ihrer Kleidung bemerkt er: 

„it is actually certain that they wear more clothes within doors 
than without; and I have seen a lady who seemed to shudder at a 
breeze in her own apartment appear half naked in the streets" 
(Letter 3). 

i 

Den beständigen Wechsel in der Mode verlacht er mit 
den Worten: 

„To-day they are lifted lipon stilts, to-morrow they lower 
their heels and raise their heads; their clothes at one time are 
bJoated out with whalebone; at present they have laid their hoops 
aside and are become as slim as mermaids. All, all is in a State of 
continual fluctuation, from the mandarine's wife, who rattles through 
the streets in her chariot, to the humble sempstress, who clatters 
over the pavement in ironshod pattens. What chiefly distinguishes 
the sex at present is the train" (Letter 81). 

War früher die Weite des Reifrockes der Masstab für 

das Ansehen einer Dame, so ist es jetzt die Länge der 

Schleppe. Der Chinese kann es kaum fassen. 

„Would you believe it?, this very people, my Fum, who are 
so fond of seeing their women with long tails, at the same time dock 
their horses to the very rumpü!" (Letter 81). 

Er hält es für ganz ungeheuerlich, dass die Damen 
sich zu dieser Mode verstehen, die ihnen jede Bewegungs- 
freiheit raubt; vorwärts können sie nicht, rückwärts nicht, 
und wenn sie sich drehen wollen, ,,it must be in a circle, not 
smallcr than that described by the wheeling crocodile when 
it would face an assailant". 

Ich möchte noch einen weiteren Punkt hervorheben, 
die Auflösung und Neuwahl des Parlaments. Dieses Fest 
kann sich zwar nach der Ansicht des Lien Chi Altangi an 
Prunk und Glanz mit dem „feast of the lanterns" nicht 
messen, aber in einem Punkte übertrifft es doch alle chine- 
sischen Feste. 

„No festival in the world can compare with it for eating" 
(Letter 112). ,,Had I fivc hundred heads, and were each head 
furnished with brains, yet would they all be insufficient to compute 
the number of cows, pigs, geese, and turkeys, which upon this occa- 
sion die for the good of their country!" 

4 



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5° - . 



Diese Gewohnheit tritt zum grossen Erstaunen des 

Chinesen auch sonst zutage. 

„When a Church is to be built, or an Hospital to be endowed, 
the Directors assemble and, instead of Consulting upon it, they eat 
upon it, by which means the business goes forward with success. 
When the Poor are to be relieved, the officers appointed to dole 
out public charity assemble and eat uppon it: Nor has it ever been 
known that they filled the bellies of the poor tili they had pre- 
viously satiesfied their own. But in the election of magistrates the 
people seem to exceed all bounds; the merits of a candidate are 
often measured by the number of his treats; his constituents 
assemble, eat upon him, and lend their applause, not to his integrity 
or sense, but to the quantities of his beef and brandy" (Letter 112). 

Mit feiner Satire charakterisiert er die beiden sich 
gegenüberstehenden Parteien und lässt uns einen Blick tun 
in das wilde Parteigewühl. 

Irving versteht es im grossen und ganzen besser, sich 

hinter die angenommene Maske zu stecken. Die ernsteren 

Partien, die ja bei Goldsmith den Hauptteil ausmachen.. 

treten hier ziemlich zurück. Goldsmith konnte dem Lien 

Chi Altangi, der ein Philosoph ist und aus Wissensdrang 

nach Europa gekommen ist, eher solche tiefe Bemerkungen 

über gesellschaftliche Misstände unterschieben, als dies 

Irving bei Mustapha hätte tun können. 

„Mustapha Rub-a-dub Keli Khan, a most illustrious captain 
of a ketch, who figured some time since, in our fashionable circles, 
at the head of a ragged regiment of Tripolitan prisoners" (Salm. 27). 

In diesen Briefen waltet meist eine feine Satire vor; 
so z. B. in seinen Bemerkungen über die Ehrung grosser 
Männer, in der Beschreibung einer Parade, in der Verspot- 
tung der Geschwätzigkeit, wie sie besonders bei der Er 
Öffnung des Kongresses hervortritt, in der Darlegung ver- 
schiedener Fälle von „Economy" u. a. Doch kommen auch 
Darstellungen vor, die durch die naive Auffassung und Kon- 
trastierung heiter wirken. Als ein Beispiel hierfür sei der 
Besuch der „city assembly" (Salm. 239 fr.) hervorgehoben. 

Wie Lien Chi Altangi wendet sich auch Mustapha mit 
besonderem Interesse den Damen zu. Zwar ist er voll des 



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— 5i — 

Lobes über die hübschen Gesichter der Damen, aber ihre 
Gestalt kann dem Schönheitsideal eines Orientalen nicht 
entsprechen. 

„In vain did I look around me, on my first landing, for those 
divine forms of redundant proportions, which answer to the true 
Standard of Eastern beauty — not a single fat fair one could I behold 
among the multitudes that thronged the streets" (Salm. 235). 

Die Damen, die er sah, glichen einer „procession of 
shadows, returning to their graves at the crowing of the 
cock". Zu seiner Verwunderung erfährt er, dass die dünnen 
Gestalten sogar angestrebt werden, denn „meagreness was 
considered the perfection of personal beauty" (Salm. 236). 
Ganz ungeheuerlich ist es für den Orientalen, dass sie beim 
Ausgehen weder ihr Gesicht noch ihre Hände bedecken, 
und dass sie ganz sich selbst überlassen sind. 

„These infidels put their parrots in cages, and chain their 
monkeys; but their women, instead of being carefully shut up 
in harems and seraglios, are abandoned to the direction of their 
owb reason, and suffered to run about in perfect freedom, like other 
domestic animals" (Salm. 232). 

Dies kommt daher, weil man sie als vernünftige Wesen 
behandelt und ihnen Seelen zuerkennt. Mustapha fühlt 
sich glücklich, dass er Frauen hat, die keine Seelen haben, 
„wives with no more souls than cats and dogs, and other 
necessary animals of the household" (Salm. 29). 

Zu Hause besteht ihr Zeitvertreib in „thumping vehe- 
mently on a kind of musical instrument", „painting little 
cariatures of landscapes", „acquiring a smattering of lan- 
guages spoken by nations on the other side of the globe"; 
ganz besonders beliebt ist das Sticken. Die oft allzu kühne 
Phantasie, die sich häufig in diesen Werken zeigt, wird 
von ihm mit feiner Satire verlacht. 

Direkte Anlehnung an The Citizen of the World dür- 
fen wir wohl annehmen in der Verspottung der „public 
dinners". Hat sich ein Mann hervorgetan, dann wird er 
dadurch gefeiert, dass man ein öffentliches Gastmahl zu 
seiner Ehre veranstaltet. 

4« 



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— 52 — 

„AH the gormandizers assemble, and discharge the national 
debt of gratitude — by giving him a dinner" (Salm. 208). „Whole 
hecatombs of geese and calves, and oceans of wine, in honour 
of the illustrious living" (Salm. 208). 

Diese Sitte hat sich so eingebürgert, dass jedes Ereig- 
nis durch ein Gastmahl festlich begangen wird. 

„They extend it to events as well as characters, and cat in 
triumph at the news of a treaty — at the anniversary of any grand 
national era, or at the gaining of that splendid victory of the tongue- 
an election" (Salm. 208). 

Voll Satire sind Mustaphas Berichte über die amerika- 
nischen Wahlen. Auch Lien Chi Altangi hat dies Thema 
in einem seiner Briefe sehr satirisch behandelt. 

Es ist interessant, dass schon hier Irvings Abneigung 
gegen das wilde politische Treiben zutage tritt; sein gan- 
zes Leben hindurch konnte er sich davon nicht freimachen. 
Man vergleiche z. B. eine Stelle aus einem Briefe an Peter 
Irving: „You are right in your conjectures that I keep 
myself aloof from politics. The more I see of political life 
here, the more I am disgusted with it. *** There is such 
coarsness and vulgarity and dirty trick mingleed with the 
rough-and-tumble contest. I want not part or parcel in 
such warfare" (Life and Letters II 585). 

2. Allgemeine Einwirkung auf die 
Charakterbildung. 

Auch in der Gestaltung der Charaktere glaube ich Be- 
ziehungen Irvings zu G o 1 d s m i t h feststellen zu können. 

Ein Grundzug der meisten Gestalten Irvings ist die 
Gutmütigkeit. Ich habe bereits bei zwei Personen Irvings 
Veranlassung gehabt, auf diesen Zug hinzuweisen und habe 
dort Einwirkung des Spectators angenommen. Dabei ist 
es nicht ausgeschlossen, dass auch Goldsmith von Einfluss 
gewesen ist. Denn im allgemeinen möchte ich diese liebens- 
würdige Auffassung der Charaktere auf Goldsmith zurück- 
führen. 



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— 53 — 

Durch seine Werke zieht ein wohltuender Optimismus. 
Thackeray sagt von Oliver Goldsmith: „Who could harm 
the kind vagrant harper? Whom did he ever hurt? He 
carries no weapon — save the harp on which he plays to 
you; and with which he delights great and humble, young 
and old, the captains in the tents, or the soldiers round the 
fire, or the women and children in the villages, at whose 
porches he stops and sings his simple songs of love and 
beauty" (Regel VI, 63). Ich brauche wohl seine Charak- 
tere nicht zu analysieren, um dies im einzelnen zu zeigen; 
ein kurzer Hinweis möge genügen. 

Im Citizen of the World tritt diese Eigenschaft haupt- 
sächlich beim BeauTibbs und beim Man in Black 
hervor. „In the admirable portrait of the „Man in Black" 
with his „reluctant goodness and his Goldsmith family 
traits, there is a foretaste of some of the most charming 
characteristics of tleVicar of Wakef ield" (Dobsen 83/84) *). 
Ganz besonders aber kommt hier sein Hauptwerk The Vicar 
of W akcficld mit der überaus liebenswürdigen Erscheinung 
des Dr. P r i m r o s e, des Landpredigers von Wakefield, in 
Betracht. „Dr. Primrose, preserving his simplicity, his 
modesty, and his nobility of character alike when surroun- 
ded by the pleasures of his early and prosperous home, when 
struggling with the hardships of his ruined fortune, and 
when rewarded at last by the surfeit of good - fortune 
which follows his trial, Stands high among the most noble 
coneeptions of English fiction" (Tuckermann 238/39). 

Neben Christopher Cockloft und Squire Bracebridge 
sind es bei Irving vor allem Launcelot LangstafT, Anthony 
Evergreen, Pindar Cockloft, Uncle John, Christopher's 
Grandfather, Master Simon, Miss Charity Cockloft und 
Lady Lillycraft, bei denen diese Seite des Charakters scharf 
ausgeprägt ist. 



i) Dobson, Life of Oliver Goldsmith (Great Writers). 



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— 54 — 
III. Smollett. 

Weniger bedeutend ist der Einfluss Smolletts. 
i. Commodore Trunnion und der alte Seemann 



Direkte Beziehungen zu diesem Autor lassen sich nach 
meiner Meinung in der Skizze The Angler (Sk. B. 246 fr.) 
feststellen. Hier erscheint ein alter Seemann, der in 
der Schlacht bei Camperdown durch einen Schuss ein Bein 
verlor. Durch diese schwere Verwundung gezwungen, sich 
vom Seedienst zurückzuziehen, lässt er sich in seinem Hei- 
matsdorf nieder und lebt hier ruhig und unabhängig von 
einer kleinen Pension und einigem väterlichen Vermögen. 
Er ist allgemein beliebt im Dorfe und ist „the oracle of the 
tap-room"; hier erfreut er die Bauern durch seinen Gesang 
und erregt ihre Verwunderung durch seine Geschichten 
von fremden Ländern, von Schiffbrüchen und Seeschlachten. 
Das Innere seines Hauses, das nur aus einem Raum besteht, 
ist ganz "nach Art eines Schiffes eingerichtet. 



„TheHnterior was fittcd up in a truly nautical style, his ideas 
of comfort and convenience having been acquired on the berth- 
deck of a man-of-war". ^ v- 

In seinem Haus befindet sich kein Bett; eine Hänge- 
matte, die an der Decke befestigt ist und während des Tages 
hinaufgeschlagen wird, um keinen Platz zu versperren, dient 
ihm zum Schlafen. 

Diese Gestalt erinnert sehr an den Commodore 
Trunnion in The Adventures of Peregrine Picklc. 
Trunnion ist ein alter Seeoffizier, der im Dienste ein Auge 
und eine Ferse verloren hat. Infolge dieser Verstümmelung 
musste er sich vom Seedienste zurückziehen und lebt nun 
auf dem Lande, wo er einen grossen Einfluss besitzt. Er 
ist ein steter Gast in der Dorfschenke, wo er die Anwesen- 
den durch die Erzählung seiner Kriegstaten und Erlebnisse 
unterhält. Sein Haus ist wie ein Schiff eingerichtet. Er 



in der Skizze The Angler. 




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~ 55 — 



duldet keine Betten darin, sondern nur Hängematten. Ge- - 
rade dieser letzte Zug ist so charakteristisch, dass an der 
Beziehung Irvings zu Smollet kein Zweifel sein kann. 

2. Der renommierende Offizier. 

Nicht sicher ist es, ob wir für die Gestalt des re- 
nommierenden Offiziers Einwirkung Smolletts 
annehmen dürfen. Der renommierende Offizier, der ge- 
wöhnlich pensioniert ist, tritt bei Smollett öfters auf. 
Er prunkt gern mit seinen Erlebnissen, nimmt es dabei aber 
mit der Wahrheit nicht immer ganz genau. Zwar ist der 
grossprecherische Soldat eine uralte in allen Literaturen 
wiederkehrende Erscheinung, aber bei Smollett und auch 
bei Irving hat er den gemeinsamen Zug, dass er seine Taten 
mit fremdartigen, ungeläufigen Namen in Verbindung 
bringt, um so seinen Berichten den Schein der Wahrheit 
zu geben. 

Lieutenant Obadiah Lismahago in The Ex- 
pedition of Humphry Clinker möge als Beispiel dienen. 
Mit grosser Uebertreibung erzählt er seine Erlebnisse unter 
den Indianern. Er berichtet von den furchtbaren Qualen, 
die man ihm zugefügt, und die er alle standhaft ertragen 
habe. Man habe ihm eine Indianerin, die Squaw Squinkina- 
coosta, zur Frau gegeben und ihn selbst später zum ersten 
Krieger des Stammes mit dem Beinamen Occacanastao- 
garora erhoben. 

Bei Irving erscheint der Typus des renommierenden 
Kriegers in der Gestalt des General Harbottle. Er 
hat nur wenig aktiven Dienst gemacht. Die Einnahme von 
Seringapatam war das Haupereignis seiner militärischen 
Laufbahn. Bei jeder Gelegenheit tischt er dies auf und 
nennt diese Tat die bedeutendste Leistung des ganzen 
Jahrhunderts. Er kritisiert alle Schlachten auf dem Kon- 
tinent und bespricht die Verdienste der verschiedenen Be- 
fehlshaber, um zuletzt immer das Gespräch auf Tippo Saib 
und Seringapatam zu lenken. 



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- 56 - 



Seine hohe Stellung verdankt er nicht etwa seiner 
Tüchtigkeit, sondern dem Umstand, dass man für die jun- 
gen aufstrebenden Offiziere Platz schaffen wollte. Deshalb 
erhob man ihn zum Rang eines Generals und gab ihm dann 
den Abschied. 

IV. Dorfschilderung. 

* 

Mit der Darstellung des Lebens und Treibens auf dem 
Lande tritt Irving in die Traditionen der Dorfschilderung 1 ) 
des 18. Jahrhunderts ein. Zwar ist es nicht möglich, mit 
Bestimmtheit seine literarischen Vorbilder festzustellen, 
aber wir müssen doch bedenken, dass für einen Dichter 
nicht nur unmittelbare Quellen den Ausgangspunkt bilden 
können, sondern in mittelbarer Weise auch alle voraus- 
gehenden Darstellungen von Gestalten und Begebenheiten, 
die mit dem Stoffe verwandt sind. 

i. Irvings Stellung in der Entwicklungsgeschichte 
der englischen Dorfschilderung im allgemeinen. 

War bis auf Pope das Hauptthema der Dichter der 
Mensch und hatte man diesen Stoff fast ganz ohne natür- 
liches Gefühl behandelt, so dringen bereits zu Popes Leb- 
zeiten allmählich gänzlich neue Elemente in die englische 
Dichtung ein. Die Natur wird neben dem Menschen Quelle 
für dichterisches Empfinden. Schilderungen aus der Na- 
tur werden zahlreicher, und ein wahres Naturgefühl tritt 
zu Tage. „Die Liebe zur Natur um ihrer selbst willen, die 
Liebe zu ländlichen Beschäftigungen und Vergnügungen 
wurde ein deutlich hervortretendes Element in der eng- 
lischen Dichtung'' (Beyer Archiv 81, 116). 2 ) 

Thomson's Seasons (1726 — 1730) bezeichnen 
in der englischen Literaturgeschichte einen Wundepunkt. 

1) Benignus, Studien über die Anfänge von Dickens. Diss. 
Strassburg 1895. S. 40 ff. 

2) Beyer. Studien zu Cowper's Task. Herrigs Archiv 81, 115 



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— 57 — 

Hier erscheinen deutlich diese Elemente zum erstenmal. Mit 
feiner Beobachtung beschreibt er die Natur in all ihrer 
Mannigfaltigkeit zu allen Jahreszeiten. Doch hat sich 
Thomson noch nicht ganz von der Pastoralpoesie der vor- 
hergehenden Zeit loslösen können. Seine Landschaften 
sind zum Teil bevölkert „with Dämons, Palaemons and 
Musidoras, tricked out in the sentimental costume of the 
sham idyl" (Smith 67). J ) 

G o 1 d s m i t h gibt mit seinem Deserted Villagc 
(1770) als erster eine realistische Darstellung des Dorf- 
lebens. „We visit the clergyman's cheerful fireside; and 
look in on the noisy school, and sit in the evening in the 
ale house to listen to the profound politics talked there" 
(Black 126). 2 ) So bedeutet das Deserted Village einen 
grossen Fortschritt den Seasons gegenüber. Gray rief aus, 
als er dieses Gedicht gelesen hatte: „This man is a poet." 
Aber Goldsmith zeichnet kein glückliches Dorf; schweres 
Unglück ist auf das einst so herrliche Auburn herein- 
gebrochen. 

„Sweet Auburn! loveliest village of the piain; 

These were thy charms — but all these charms are flecT 

(The Deserted Village). 

Dabei richtet er schwere Vorwürfe gegen die, welche 

ehemals blühende Dörfer durch die Umwandlung des 

fruchtbaren Ackerlandes in Jagdgründe und Lustgärten 

dem Untergang geweiht haben : 

O luxury! thou curst by Heaven's decree, 
How ill exchanged are things like these for thee" 

(The Deserted (Village). 

William C o w p e r in Tlie Task (1784) schildert 
nur einzelne Gestalten, die sein Interesse erregen. Auch 
dieser Dichter erhebt Anklagen gegen seine Mitwelt. Jede 
Gelegenheit benutzt Cowper, um die Gebrechen und Schä- 
den der Welt zu geissein; Naturschilderungen wechseln be- 
ständig in dem Gedichte mit satirischen und didaktischen 
Stellen. Aber nie verliert er sein Lieblingsthema, das Lob 

1) Smith, Cowper (English Men of Letters). 

2) W. Black, Goldsmith (English Men of Letters). 



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- 58 - 



des Landlebens, aus dem Auge. Und seine Satire ist keine 
bösartige, sie ist nur der Ausdruck seines lebhaften Ver- 
langens, die menschliche Gesellschaft besser zu machen. 
„Des Dichters Absicht, die Liebe zur Natur und zum Land- 
leben unter dem englischen Volke zu beleben, ist völlig er- 
reicht worden. Grössere Dichter haben denselben Stoff 
nach Cowper behandelt, allein sie haben auf den Grund- 
linien, die er dargelegt hat, weiter gebaut, und er ist ihr 
Führer. 'The part which Cowper performed', sagt Ma- 
caulay in seinem Essay on Moore's Life of Lord Byron, 
'was rather that of Moses tan that of Joshua. He opened 
the house of bondage; but he did not enter the promised 
land* '* (Beyer Archiv 81, 137). 

Wie Cowper so zeichnet auch George Crabbe in 
seiner ersten Dorf Schilderung The Village (1783) einzelne 
Gestalten und Stimmungsbilder. Aber er behandelt dieses 
Thema doch in ganz verschiedener Weise. „Cowper's grasp 
of the subject is very different from Crabbe's. He too des- 
cribes the interior of a labourer's cottage, „and the misery 
of a stinted meal". But in what a different tone ! In Cow- 
per we see only the gentle compassion of a kind-hearted 
gentleman for trials which he regarded as inevitable. In 
Crabbe we see the saeva indignatio of the satirist, angry 
with a world and a society in which such things could be, 
and with the lying poets who had so long disguised the 
truth. Moreover, Cowper's picture of the agricultural la- 
bourcr is, on the whole, a cheerful one. The waggoner and 
his horses, the woodman and his dog, the wife and her 
poultry, are all described in tones which rather favour than 
condemn those views of rural life which Crabbe had set 
himself to expose. Had Crabbe described the waggoner or 
the woodman, we should have heard something about ague 
rheumatism, and fever" (Kebbel, Crabbe 110). Er will 
uns ein Bild geben vom Leben, wie es in Wirklichkeit ist. 
Seine Kenntnis des Landlebens, wie es uns in The Village 

0 Kebbel, Crabbe (Great Writers). 



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entgegentritt, hatte er in seiner ärmlichen Heimat Alde- 
burgh in Suffolk erlangt. Erst als er später als Pfarrer 
auch in die Hütten einer besser situierten Landbevölkerung 
kam, milderten sich seine Ansichten. Zwar finden sich in 
seiner nächsten Dichtung, die sich ebenfalls auf das Land- 
leben beschränkt, in The Parish Register (1807), noch 
Laster und Elend unter der Bevölkerung, daneben aber er- 
scheinen auch „fair scenes of peace". „The leaden gloom 
which lowers over The Villagc is lifted in The Parish, and 
the sun makes its way through the clouds" (Kebbel, Crabbe 
119). In The Borough (1810) gibt Crabbe eine syste- 
matische Darstellung des Lebens in einem englischen Land- 
städtchen. „ In which is set before us almost every variety 
of life and incident which an English country-town is ca- 
pable of affording — the clergy, the parish clerk, the Dissen- 
ters, the politicians, the lawyers, the doctors, the tradesmen, 
the amusements of the place, clubs and inns, the theatre 
and the school, the almshouse, the workhouse, the hospital. 
the poor and their dwellings, and, finally and appropriately, 
the prison, nostri est farrago belli*' (Kebbel, Crabbe 124). 
Crabbe hat von seinen Zeitgenossen und nachfolgenden 
Dichtern reiches Lob geerntet. Bekannt ist, um nur ein 
Beispiel hervorzuheben, das Urteil Byrons über Crabbe in 

den English Bards and Scotch Reviewers: 

„Though nature's sternest painter, yet the best." 

Waren die bisher angeführten Darstellungen alle in 
Versen geschrieben, so erschienen ziemlich gleichzeitig von 
zwei verschiedenen Autoren Schilderungen des Dorflebens, 
die in Prosa abgefasst waren. 

Einmal ist es Miss M i t f o r d s Our Village (von 
1819 an im Ladys Magazine erschienen; gesammelt heraus- 
gegeben 1824). Gleich im Eingang macht sie uns mit den 
Hauptpersonen und Oertlichkeiten des Dorfes bekannt. Mit 
inniger Hingebung an die Natur beschreibt sie die ver- 
schiedenen Jahreszeiten. Ueberall begegnet uns Freude 
und Glück im Dorfe. Von den satirischen Ausfällen der 
Vorgänger ist sie frei. 



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Die andere Dorfschilderung in Prosa findet sich in 
Washington Irvings Sketch Book (erschienen in 
sieben Nummern zwischen dem 15. Mai 181 9 und dem 
13. September 1820, gleichzeitig in New York und Phila- 
delphia, und von Murray im August 1820 in London in 
Buchform verlegt) und in Bracebridge Hall (1822). Wie 
bei Miss Mitford ist auch bei Irving das Dorf leben ohne 

Bitterkeit und Anklage gezeichnet. Sein Grundsatz ist : 

„looking at things poetically, rather than politically, describing 
them as they are, rather than pretending to point out how they 
should be; and endeavouring to see the world in as pleasant a light 

as circumstances will permit When I discover the world 

to be all that it has been represented by sneering cynics and whining 
poets, I will turn to and abuse it also; in the meanwhile, worthy 
reader, I hope you will not think lightly of me, because I cannot 
believe this to be so very bad a world as it is represented" 
(Br. H. 5). 

Diese Stelle ist so recht charakteristisch für Irving. 
Sein Gebiet ist die gegebene Wirklichkeit im Zustande der 
Ruhe, und mit grossem Glück weiss er dieser anscheinend 
durchaus prosaischen Realität poetische Seiten abzu- 
gewinnen. Im Anschluss an Bracebridge Hall schildert der 
Verfasser dörfliche Sitten, Fest und Gebräuche und eine 
Reihe von bäuerlichen Gestalten und gibt uns damit ein 
reizendes Idyll des englischen Landlebens. „He seems never 
happier than when getting together the elements of Brace- 
bridge Hall, which may be called the coronation of English 
country life" (Haweis 13). 

Inmitten eines herrlichen Parkes steht das alte, mit 
Efeu überwachsene Herrschaftshaus des S q u i r e s 
Bracebridge. Es befindet sich auf einer kleinen An- 
höhe und gewährt einen hübschen Ausblick. Am Fusse 
windet sich ein Fluss hin, und in einiger Entfernung ist der 
Rauch von den Dorfhütten sichtbar, ein dunkler Kirch- 
turm hebt sich deutlich vom Horizont ab. Mit den Be- 
wohnern des benachbarten Dorfes steht der Squire im 
besten Einvernehmen. Ihr Wohlergehen liegt ihm sehr am 
Herzen, besonders sucht er die Not der Armen durch grosse 
Freigebigkeit zu lindern. Er bedauert den Verfall des 



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einstigen gesunden Bauernstandes, glaubt aber, dass viel 
wieder gut gemacht werden könne, wenn sich der Adel 
nicht von der Landbevölkerung zurückziehe, sondern häufig 
mit ihr zusammentreffe. 

Die Dorfbewohner begegnen ihrem Wohltäter, wo 
immer er erscheint, mit grosser Ehrfurcht und Liebe. Den 
Vermittler zwischen Bracebridge und den Bauern spielt 
M a s t e r S i m o n. Er ist im Dorfe eine hochangesehene 
und einflussreiche Persönlichkeit. „Master Simon is in 
fact the Caesar of the village" (Br H. 182). Er ist mit 
allen Familienangelegenheiten vertraut und erteilt den Alten 
in ihren geschäftlichen Dingen und den Jungen in ihren 
Liebessachen Ratschläge. Ungefähr eine halbe Meile vom 
Park entfernt ist die Dorfkirche, ein altes, grau aussehendes 
Gebäude. Das Innere ist einfach aber doch eindrucksvoll. 
An den Wänden befinden sich Monumente der Bracebridge. 
In Ermangelung einer Orgel hat Master Simon aus den 
Dorfbewohnern einen Chor und eine Musikkapelle gebildet, 
mit denen er sich am Weihnachtstage produziert. Unter 
dem Orchester, das durch „a most whimsical grouping of 
heads" auffällt, bemerken wir besonders den Dorf Schneider, 
„a pale fellow with a retreating forehead and chin, who 
played on the clarionet, and seemed to have blown his face 
to a point" (Sk B. 158) und einen andern Mann, „a short 
pur3y man, stooping and labouring at a bass - viol, so as 
to show nothing but the top of a round bald head, 
like the egg of an Ostrich" (Sk B. 158). Ihr Vortrag ist 
im allgemeinen annehmbar, nur dass der Chor gewöhnlich 
etwas nachhinkt oder ein Violinspieler zu langsamm ist 
„and then making up for lost time by travelling over a 
passage with prodigious celerity, and Clearing more bars 
than the keenest foxhunter to be in at tle death" (Sk B. 
159). Den Hauptanziehungspunkt aber bildet eine neu ein- 
geübte Hymne; alles ist in Aufregung und infolge davon 
verlieren sie die Melodie und jeder singt in seiner Art zu 
Ende, so gut er kann. Nur ein alter Sänger macht eine 
Ausnahme. „Excepting one old chorister in a pair of horn 



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spectacles, bestriding and pinching a long sonorous nose, 
who happened to stand a little apart, and, being wrapped 
up in his own melody, kept on a quavering course, wriggling 
Iiis head, ogling his book, and winding all up by a nasal 
solo of at least three bars' duration" (Sk. B. 159). Welch 
eine Fülle von feiner Beobachtung tritt uns hier entgegen! 

2. Der Landpfarrer. 

Eine einflussreiche Rolle im Leben des Dorfes spielt 
der Landpfarrer. Irving zeichnet in seinen Werken mehrere 
Geistliche. 

Die Gestalt des Pfarrers hat eine reiche Vorgeschichte 
in der englischen Literatur. 1 ) Er tritt uns schon von An- 
fang an in zwei Typen entgegen, einmal als der gute Hirte, 
dem nur das Wohl seiner Gemeinde am Herzen gelegen ist. 
und dann als der verweltlichte, nach Reichtum und Ehre 
strebende Geistliche. 

Chaucer hat als erster das positive Ideal eines 
guten Seelenhirten dargestellt, in der Schilderung des P e r - 
soun im Prolog zu den Canterbury Tales (477 — 528). 
Der Pfarrer ist gelehrt, fromm, standhaft im Unglück, er 
teilt freigebig die Gaben unter die Armen, während er selbst 
mit Wenigem zufrieden ist. Er ist pflichtgetreu, weder 
Wind noch Wetter können ihn abhalten, seine Kranken- 
besuche zu machen. Gegen den Sünder ist er nachgiebig 
und sucht ihn durch Güte zu einem anderen Leben zurück- 
zuführen. Nur gegen die Hartnäckigen, gleichgültig ob 
hoch oder niedrig, geht er scharf vor. „Christi Wort und 
seiner zwölf Apostel Wort lehrt er, doch zuerst befolgte er 
es selber" (Chaucer, Prol. 527/28). 

Es sind dieselben Züge, die sich im wesentlichen auch 
bei den späteren Darstellungen des guten Pfarrers verfolgen 
lassen. 

1) S. die eingehende Darstellung von H. Schacht, „Der gute 
Pfarrer in der englischen Literatur bis zu Gold- 
ß n» i t h s V i c a r o f W. Diss. Berlin 1904. 



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Um diesen guten Hirten mehr hervorzuheben stellt 
Chaucer ihn in Gegensatz zu der schlechten Klostergeistlich- 
keit, die von ihm als verweltlicht dargestellt wird. 

In der folgenden Zeit tritt der gute Pfarrer zurück, 
und es herrscht der unedle Geistliche vor. Die humoristische 
Satire, mit der Chaucer die verderbte Geistlichkeit gezeich- 
net hatte, wird von der dramatischen Literatur des 15. und 
16. Jahrhunderts übernommen, und die Tradition des 
humoristisch-satirisch geschilderten Geistlichen ist im 
Drama bis ins 18. Jahrhundert massgebend. Bei Shake- 
speare erscheinen die Amtsgeistlichen als schwache, 
dumme oder lächerliche, aber niemals als gemeine Gestalten, 
während die Mönche die guten Geistlichen repräsentieren, 
die durchaus edel sind. 

In der leichtfertigen Restaurationszeit sind 
die Pfarrer am frivolsten gezeichnet worden. 

Gegen diese systematische Verhöhnung der Geistlich- 
keit erhob sich ein starker Widerspruch. J e r e m y 
Collier handelt im dritten Kapitel seiner Schrift A 
Short View of the Jmmorality and Profaneness the English 
Stagc (1698) über „The Clergy Abused by the Stage". 
Offenbar unter der Wirkung der Angriffe in diesem Buche 
erneuert D r y d e n in dem Gedicht The Character of a 
Good Parsau die Gesalt des guten Pfarrers. Der Geistliche 
ist eine Paraphrase desjenigen von Chaucer. 

Mit den moralischen Wochenschriften 
erscheint die Schilderung des Pfarrers auch in Prosa. Als 
das Ideal eines guten Pfarrers stellt man sich in der Auf- 
klärungszeit einen Mann vor, der den gentleman und 
Philosophen in sich vereinigt. Im Spcctator ist das neue 
Ideal zum erstenmal aufgestellt in der Person des clergy- 
man des Klubs. „Neben solchen, bereits typisch ge- 
wordenen Zügen, wie „sanctity of his life", Bescheidenheit, 
indem er sich nicht um Beförderung bemüht, Gleichgültig- 
keit dem Reichtum gegenüber, tätiges Eintreten für die 
Armen und Bedrückten, Beredsamkeit und argumentierende 
Disputationskunst, werden besonders hervorgehoben: Ge- 



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lehrsamkeit und klassisches Wissen, philosophische Ver- 
anlagung, vornehme Bildung und Erziehung (gentleman) . 
Ernst und Autorität in Glaubensdingen" (Schacht 21 ). Dei 
Kaplan des Sir Roger de Coverley ist in ähnlicher Weise ge- 
schildert. „Dieser besitzt neben wissenschaftlicher Bildung 
einen gesunden Menschenverstand (philosopher), ist an- 
genehm im Umgang, wird daher geliebt und geachtet und 
gilt mehr als verwandt denn als abhängig (gentleman)*' 
(Schacht 22). 

Aus der moralischen Zeitschrift wird der Pfarrer in 
der folgenden Zeit in den Roman herübergenommen. 
Richardson zeichnet mehrere Pfarrer. In der Pamela 
erscheint der Geistliche Williams „a sensible, sober. 
young gentleman" (Pamela I 142), der für die bedrängte 
Pamela eintritt und dafür selbst ins Gefängnis kommt. Der 
Charakter des Dr. Lewe n in Clarissa Harlowe (1748) ist 
nur angedeutet. Sein Ideal eines Geistlichen entwirft Ri- 
chardson in Sir Charles Grandison (1753) in der Gestalt 
des Dr. B a r 1 1 e 1 1. Es ist im allgemeinen das der mora- 
lischen Zeitschriften. 

In der Person des parson Adams im Fiel- 
dings Joseph Andrews (1742) begegnet uns ein ganz 
neuer Typus; Fielding gibt der Gestalt eine Wendung ins 
Humoristische. Zwei Seiten bestimmen das ganze Wesen 
Adams', Religiosität, Gläubigkeit auf der einen und reinste 
Natürlichkeit auf der andern Seite. 

In der Person des Barnabas schildert Fielding 
einen herzlosen, rücksichtslosen, nicht pflichtgetreuen Mann, 
der, ein äusserlicher Christ, am Wortlaut der Bibel klebt, 
ohne den wahren Inhalt ergriffen zu haben. Der Reprä- 
sentant des schlechten Pfarrers ist parson Trulliber. 
der im schroffsten Gegensatz zu Adams steht. Er ist eine 
rohe, geizige Krämerseele, egoistisch bis zur Rücksichts- 
losigkeit und ausserdem scheinheilig. Er gleicht in seinem 
Auftreten und in seiner Ausdrucksweise eher einem Bauer 
als einem Geistlichen. Seine Pfarrkinder „lived in the 
utmost fear and apprehension of him". 



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Von untergeordneter Bedeutung sind die beiden Geist- 
lichen in Tom Jones (1749). Thwackum zeigt eine 
grosse Neigung zum Disputieren über theologische und 
philosophische Themata ; in sittlicher Beziehung ist er nicht 
vorwurfsfrei. Vicar Supple ist der Tischgenosse des 
Squire; oft muss er dazu herhalten, diesem die Langeweile 
zu vertreiben, geduldig erträgt er in seinem Haus alle 
Flüche und Wutausbrüche, wenn er aber auf der Kanzel 
steht, wo er in voller Sicherheit seine Macht ausüben kann, 
dann zahlt er seinem Gutsherrn und Gebieter alles heim. 
,.He paid him off obliquely in the pulpit." 

In Dr. Harrison in Amelia ( 1752) stellt Fielding 
wieder das Ideal des guten Geistlichen dar, das mit dem 
der moralischen Zeitschriften übereinstimmt, ausserdem aber 
mit Zügen von Adams und Bartlett ausgestattet ist. 

Smollett zeichnet in Roderick Random (1748) 
einen schlechten Pfarrer, übertreibt aber in seiner Art den 
Charakter ins Masslose. Er spielt mit den Bauern im Wirts- 
haus Karten, betrügt sie beim Spiel und nimmt ihnen ihr Geld 
ab. Er singt unanständige Lieder und flucht. Um die 
Bauern zu beruhigen, spielt er ihnen auf einer Geige, die 
er unter seinem Gewand verborgen hatte, lustige Weisen 
vor und lädt sie zum Abendessen ein. Doch macht er sich 
nach dem Mahle davon, ohne etwas bezahlt zu haben. Gegen 
einen Vorgesetzten, einen hochnäsigen Vikar, der wäh- 
rend des Spiels erscheint, zeigt er sich kriechend freund- 
lich, um ihn nach seinem W r eggange aufs gemeinste zu 
schmähen. 

Den guten Hirten zeigt Smollett uns in dem Geist- 
lichen, mit dem PeregrinePickle im Schuldgefäng- 
nis zusammentrifft. Er ist selbstlos, verwendet den gröss- 
ten Teil seines Einkommens zu Wohltaten, trägt sein Los 
mit Geduld und Ergebung und verzeiht allen, die ihn in 
das Schuldgefängnis gebracht haben. 

Pfarrer Yorik in Sternes Tristam Shandy 
(1759- 1766) hat viel von Adams, übertrifft ihn aber 
durch seinen stets schlagfertigen Witz, durch seinen grös- 

5 



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seren Ernst und vor allem durch eine übergrosse Demut 
und Bescheidenheit. 

In The World (1753- 1756) erscheint zum ersten Male 
die Pfarrhausidylle. „Ein parson in ,,a remote 
corner" von Yorkshire wird uns in seiner Familie und Häus- 
lichkeit mit den kleinsten Details geschildert, die fast alle 
neu erfunden sind 4 ' (Schacht 31). 

Vertieft und veredelt ist die Gestalt des Geist- 
lichen bei G o 1 d s m i t h im Vicar of Wakefield (1766). 
P r i m r o s e hat zahlreiche Charakterzüge von Fieldings 
Adams und Harriso n. Er überragt aber alle 
seine Vorgänger durch seine unerschütterliche christlich- 
philosophische Weltanschauung , die ihn auch das 
schwerste Unglück mit Geduld ertragen lässt. Für 
die Pfarrhausidylle besass Goldsmith bereits ein Vorbild in 
der Wochenschrift The World (Nr. 16), die auch stark 
auf ihn eingewirkt hat. In The Deserted Village (1770) 
zeichnet er ebenfalls einen guten Pfarrer, der im wesent- 
lichen dieselben Züge hat wie die andern guten Hirten. Er 
ist bescheiden, „passing rieh with forty pounds a year", 
trachtet nicht nach Beförderung, verwehrt niemand sein 
gastlich Haus, „to relieve the wretched was Iiis pride", ver- 
zeiht den Sündern „quite forgot their vices in their woe", 
spendet Trost den Unglücklichen, in seinem Amte ist er 
eifrig und gewissenhaft. 

Co w per schildert in The Task (1785) im zweiten 
Buch einen schlechten Pfarrer. Er ist oft im Park in Be- 
gleitung von Damen zu finden, ,',but rare at home, and never 
at his books" (Works II, 50) ; um die Armen kümmert er 
sich nicht, aus materiellen Gründen strebt er eifrig nach 

Beförderung, 

„well prepared, by ignorance and sloth. 

By infidelity and love o'the world, 

To make God's work a sinecure" (Works II, 50). 

Dem guten Pfarrer, den er mit allen möglichen Tugen- 
den ausgestattet wissen will, fehlt eine wirkliche Charak- 
teristik. 



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In direkten Gegensatz zu dem edeln Priester in The 
Dcscrted Villagc setzt C r a b b e den Pfarrer in The Village 
(1783), wobei er sich deutlich an Cowper anlehnt. Er ist 
ein lustiger Gesellschafter, ein eifriger Jäger, spielt gern 
Karten. 

A sportsman keen, he shoots through half the day. 
And skilled at whist, devotes ke night to play;" 

(Works I, 15). 

Der Aufforderung aber, zu einem Armen zu kommen, 
der im Sterben liegt, um ihm einige Worte des Trostes 
zuzusprechen, leistet er kein Gehör. Ja, selbst zur Beerdi- 
gung des Armen erscheint er nicht, obwohl die ganze Ge- 
meinde am Grabe versammelt ist. 

..The busy priest, detain'd by weightier care, 

Defers his duty tili tle day of prayer" (VVorksI, 16). 

Der Vicar in The Borough (1810) gehört zur Klasse 
der guten Pfarrer, doch ist er mehr ein mittlerer Charakter : 
zwar ist er gut veranlagt und handelt durchaus nicht 
schlecht, aber er vollbringt doch nichts Gutes, das besonders 
hervorragend wäre. Einen wirklich guten Geistlichen 
zeichnet Crabbe in dem C u r a t e ( The Borough, Letter 3 ) . 
Er ist fromm, gerecht, gibt von dem Wenigen, das er hat, 
den Armen; er wird von Allen geliebt, ist gelehrt „ a man 
so learn 'd you shall but seldom see", hat mit den grössten 
materiellen Sorgen zu kämpfen, nur mit den schwersten 
Entbehrungen kann er seine neun Kinder und sein krankes 
Weib unterhalten, aber mit Geduld und Ergebung trägt er 
■dies schwere Los. 

Werfen wir nach dieser kurzen Entwicklung unsern 
Blick auf die Gestalt des Geistlichen bei Irving. Auch 
bei ihm finden wir beide Typen. Der Geistliche des 
Squire Bracebridge stellt den guten Pfarrer dar. Er 
ist treu und gerecht in seinem Berufe. Wie F i e 1 d i n g 
und Goldsmith hat auch Irving dem Charakter eine 
Wendung ins Humonistische gegeben. Man vergegen- 
wärtige sich nur sein Jagen nach alten Folios, über/denen 
er seine eigene Zeit vergisst, so dass er von der neuesten 



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68 — 



Literatur keine Ahnung hat, sein Streben, diese Werke 
in den alten Bibliotheken selbst zu lesen, „for he thinks a 
black-letter volume reads best in one of those venerable 
Chambers where the light struggles through dusty lancet 
Windows and painted glass; and that it loses half its zest 
if taken away from the neighbourhood of the quaintly car- 
ved oaken book-case and Gothic reading-desk" (Br. H. 61). 
Auch sein Aeusseres ist ganz humorvoll aufgefasst. Der 
Pfarrer ist eine kleine, magere Gestalt, „with a grizzled wig 
that was too wide, and stood off from each ear, so that his 
head seemed to have shrunk away w ithin it, like a dried 
filbert in its shell. He wore a rusty coat, with great skirts, 
and pockets that would have held the church bible and 
prayer-book; and his small legs seemed tili smaller, from 
being planted in large shoes, decorated with enormous 
buckles" (Sk. B. 157). 

Zu dieser Klasse gehört auch der Geistliche in der 
Gemeinde der Lady Lillycraft. Der Pfarrer, „a thin, elderly 
man, of a delicate Constitution, but positively one of tle 
most charming men that ever lived", führt ein frommes, 
gottgefälliges Leben, tut den Armen viel Gutes und ist 
ein liebender Vater. Seine Predigten erregen das Ent- 
zücken der Lady Lillycraft. Neben seinem Berufe dichtet 
er auch. 

Einen unwürdigen Geistlichen zeichnet 
Irving in der Skizze The Country Church. Der Pfarrer, 
„a snuffling well-fed vicar", war in seiner Jugend ein 
leidenschaftlicher Jäger, doch Alter und gute Lebensweise 
haben ihn gezwungen, diesen Sport aufzugeben. Sein In- 
teresse daran ist aber noch nicht erlahmt. Er begleitet 
die Jäger „to see the hounds throw off, and make one at 
the hunting dinner" (Sk. B. 70). Auf sein eigenes leibliches 
Wohl scheint er am meisten bedacht zu sein. „He was a 
privileged guest at all the tables of the neighbourhood^ 
(Sk. B. 69). Die Gefühllosigkeit des Pfarrers in der Skizze 
The Widow and her Son gegen Arme erinnert an die un- 
edeln Geistlichen bei C o w p e r and C r a b b e. Der ein- 



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zige Sohn einer armen Witwe wird zu Grabe getragen. Da 
sie gar kein Vermögen besitzt, so muss der Pfarrer, „ a well- 
fed priest* den Toten beerdigen, ohne dafür bezahlt 
zu werden. Aber er tut es in einer kalten, gefühllosen 
Weise. Er tritt nicht zum Grabe, sondern bewegt sich nur 
wenige Schritte von der Kirche, so dass man am Grabe seine 
Stimme kaum vernimmt. ,,Never did I hear the funeral 
service, that sublime and touching ceremony, turned into 
such a frigid mummery of words (Sk. B. 75). 

3. Der Dorfschulmeister. 

Nächst dem Squire und Pfarrer tritt im Dorf der Leh- 
rer hervor. Die Gestalt des Dorfschullehrers ist in der eng- 
lischen Literaturgeschichte nicht so scharf ausgeprägt wie 
die des Pfarrers, tritt doch der Dorfschullehrer erst in der 
Literatur des 18. Jahrhunderts auf 1 ). 

William Shenstone zeichnet zuerst die Gestalt 
in schärferen Umrissen in The Schoolmistress ( 1 . Fassung 
1736, 2. 1742, 3. 1764). In ihrem Aeussern ist sie einfach 
aber schmuck, sie ist genügsam und bescheiden, fromm, 
sangesfreudig ; in der Schule ist sie gerecht und versteht es, 
die Schüler zum Lernen anzuspornen. 

„Right well she knew each Temper to descry, 
To thwart the Proud, and the Submiss to raise: 
Some vvith vile Copper Prize exalt 011 high, 
And some entice with Pittance small of Praise: 
And other Sorts with baleful Spriggs affrays" 

(Daniel 50). 2) 

S m o 1 1 e 1 1 zeichnet im Roderick Random (1748) 
einen durchaus unwürdigen Lehrer. Wie bei der Gestalt 
des Pfarrers übertreibt er auch diesen Charakter. Sein 
villagemaster ist ein gemeiner, niedriger Mensch. 

Einen gutmütigen Lehrer führt uns F i e 1 d i n g in 
dem Dorf schullehrer Partridge in Tom Jones ( 1749) 

i) Benignus S. 34 ff. 

-) Daniel, William Shenstone's Schoolmistress. Diss. Ber- 
lin 1908. 



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— 7o — 

vor. „He was one of tle bestnatured fellows in the world". 
Da ihm das Schulhalten aber nicht genug abwirft, um davon 
leben zu können, so muss er noch nebenbei das Amt eines 
„clerk and barber" besorgen. Er ist ein ehrlicher, treuer 
Mensch, prunkt gern mit seinen lateinischen Kenntnissen 
und glaubt an Hexen und Geistererscheinungen. 

In der Schilderung des Lehrers in The Deserted Villagc 
(1770) hat G o ld s m i t h die Schulmeister figur W i 1 
liamShenstones weitergebildet (vergl. Daniel 86 ff) . 
Er ist ein ernster, aber doch gütiger Mensch, der in der 
Schule die Ordnung aufrecht zu erhalten weiss. Durch sein 
Wissen und Können erregt er allgemein Bewunderung. 

In The Parish Register (1783) schildert Crabbe 
eine Schullehrerin, die offenbar in Anlehnung an W i 1 1 i a n 
Shenstone' s Schoolmistress entstanden ist. 
Sie ist wie diese fromm, sparsam, allgemein geliebt und 
geachtet. Ueber ihr Verhalten in der Schule aber erfahren 
wir nichts. In The Borough (1810) führt Crabbe eine 
Reihe von Schulmeisterfiguren vor, von denen jede mit 
einem oder mehreren hervorstechenden Züsfen charakteri- 
siert wird, so z. B. Letter 18, 20, 24. In scharfen Um- 
rissen erscheint die Gestalt des AbelKeene ( Letter 21). 
„In Abel Keene begegnet der etwas nervöse, gutmütige, alte 
und simple Schoolmaster, der sich durch junge Leute des 
Ortes zur Freigeisterei verleiten lässt, seine Seelenruhe ver- 
liert und darüber zugrunde geht" (Daniel 92). 

Irving zeichnet zwei Dorfschullehrer. Den einen in der 
Gestalt des S 1 i n g s b y. Dieser „a thin, elderly man, rather 
threadbare and slovenly, somewhat indolent in manner, and 
with an easy good-humoured look 4 ', besitzt grosses Ansehen 
im Dorfe. In seiner Jugend war er ein fleissiger Schüler, 
beschäftigte sich sogar mit Latein und Mathematik; eine 
eifrige Lektüre von Reisebeschreibungen Hess in ihm aber 
den Wunsch wach werden, die Welt zu sehen, und so brach 
er eines Tages mit dem Bündel auf dem Rücken auf. Lange 
Zeit durchstreifte er die Welt, bis er schliesslich zerlumpt 
und zerfetzt in sein Heimatsdorf zurückkam. Durch die 



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Güte des Bracebridge bekam er die Stelle des Dorflehrers, 
die gerade frei war. Dem Rate des Gutsherrn folgend, der 
ihm Roger Ascham's Schoolmastcr gab und ihn auf- 
forderte, besonders „to con over that part of old Peachum 
which treats of the duty of masters, and which condemns the 
favourite method of making boys wise by flagellation" (Br. 
H. 187), straft er nie einen Schüler mit dem Stock. Es 
liegt dies übrigens auch gar nicht in seiner Art, denn „he 
is too easy, good-humoured a creature to inflict pain on a 
worm" (Br. H. 188). Er lässt häufig die Schule ausfallen, 
denn er liebt die Freiheit selbst und kennt „the urchins' 
impatience of confinement" aus eigner Erfahrung. Beson- 
deres Gewicht legt er auf die Pflege des Sports. Doch in 
Ermangelung des Stockes hat er kein Mittel gefunden, um 

seine Autorität zu wahren. 

„His school, therefore, though one of the happiest, is one of 
the most unruly in this country; and never was a pedagogue more 
liked, or less heeded, by his disciples than Slingsby" (Br. H. 188). 

Einen zweiten Lehrer führt Irving uns vor in der 
Skizze The Legend of Slecpy Hollow in der Gestalt des 
Ichabod Crane. Sein Aeusseres macht einen lächer- 
lichen Eindruck. 

„To see him striding along the profile of a hill on a windy 
day, with his clothes bagging and fluttering about him, one might 
have mistaken him for the genius of famine descending upon earth, 
or some scarecrow eloped from a com field" (Sk. B. 256). 

Im Unterricht ist er streng und spart den Stock nicht. 
,He was a conscientious man, and ever bore in mind the golden 
maxim, 'Spare the rod and spoil the child'. Ichabod Crane's 
scholars certainly were not spoiled" (Sk. B. 257). 

Er erteilt nie eine Strafe, ohne dem betreffenden Kna- 
ben die Versicherung zu geben, dass ,he would remember 
it and thank him for it the longest day he had to live". 
Nach Beendigung der Schule ist er Begleiter und Spiel- 
genosse der älteren Knaben. Da der Erlös des Schulgeldes 
nicht ausreicht für seinen Unterhalt, so wird er abwech- 
selnd in den Bauernhäusern verköstigt. Als Ersatz dafür 
macht er sich auf verschiedene Weise nützlich. Er hat einen 



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— 17. 



Chor gebildet, auf den er besonders stolz ist. Wie der Leh- 
rer in The Deserted Village wird er wegen seines Wissens 
angestaunt. In Uebereinstimmung mit Fieldings P a r - 
t r i d g e glaubt er an die Existenz von Hexen und Geistern. 

4. Sonstige Gestalten des Dorflebens. 

Eine wichtige Rolle auf dem Dorfe spielt das Wirts- 
h a u s. Hier kommen die Bauern zusammen und unter- 
halten sich über ihrem Glas Bier, „where the wise men of 
the village gossip the long winter evenings" (Br. H. 190). 
Der Wirt, „an easy, indolent fellow, shaped a little like 
one of Iiis own beer barreis" und „apt to stand gossiping 
at his door, with his wig 011 one side, and Iiis hands in his 
pockets", hat in dem Wirtshaus nichts zu sagen, seine Frau 
führt hier das Regiment. Dies ist ein typischer Zug, der 
bei den Wirtshausbesitzern des 18. Jahrhunderts häufig 
wiederkehrt; besonders oft tritt er bei Fiel ding und 
S m o 1 1 e 1 1 auf. 

W r ie seine Vorgänger hebt auch Irving einige Ge- 
stalten des Dorfes, die sein Interesse besonders erregen 
hervor. 

Nächst den bisher behandelten Personen ist Ready- 
Money-Jack der angesehenste Mann im Dorfe. John 
Tibbets ist „a picture of a substantial English yeoman" ; er 
stammt von einer sehr alten Familie ab, besitzt ein hübsches 
Haus mit trefflichen Gütern, ist stolz und etwas protzig, 
„He has never been without a hundred or two pounds in 
gold by him, and never allows a debt to stand unpaid" 
(Br. H. 34). Er besucht alle Jahrmärkte, an Kraft kommt 
ihm keiner gleich, ist ein regelmässiger Gast in der Dorf- 
schenke. Squire Bracebridge, der in ihm „a specimen of old 
English 'heart of oak' " sieht, ist eng mit ihm befreundet. 
Der Apotheker, ein kleiner, wohlbeleibter Mann ist 
„the village wise man". Er redet gern in Sentenzen und 
ist „füll of profound remarks on shallow subjects". Der 
Dorf schneider, den wir bereits gestreift haben, hält 



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— 73 — 



in seinem Hause musikalische Zusammenkünfte, „where 
they „make night hideons" by their concerts" (Br. H. 182). 
Mit seiner Kunst im Schneidern ist es offenbar nicht weit 
her. Er ist arm und hat nichts; doch daran ist nicht so 
sehr der Mangel an Arbeit schuld als vielmehr seine zu 
grosse Neigung „to gossip, and keep holidays, and give con- 
certs, and blow all his substance, real and personal, through 
his clarionet" (Br. H. 183). 

Der Frieden des Dorfes scheint gefährdet durch Mr. 
F a d d y, einen Maschinenfabrikanten, der sich ein grosses 
Vermögen erworben und in der Nähe des Dorfes ein Herr- 
schaftsgut angekauft hat. Er ist „one of those sensible, 
useful, prosing, troublesome, intolerable old gentlemen, that 
go abont wearying and worrying society with excellent plans 
for public Utility" (Br. H. 170/171). Er hat es streng 
verboten, sein Gut ohne Berechtigung zu betreten, hat einen 
Fussweg, der über seine Felder führt, untersagt und will 
zum Aerger des Bracebridge noch eine Reihe andrer Re- 
formen durchsetzen. 

Zeichnet Irving im allgemeinen nur die glücklichen Sei- 
ten des Dorflebens, so deutet er auch das Gegenteil wenig- 
stens an in den Worten des Dorfpolitikers, doch er 
enthält sich dabei jeder Polemik und Satire im Gegensatz zu 
seinen Vorgängern. Der village politician, eine lange, ma- 
gere Gestalt mit schwarzem, schlecht gepflegtem Bart und 
feurigem Auge, sucht, Zeitung und Pamphlet in der Hand, 
die Bauern durch seine Reden über ,,taxes", „poor's rates" 
und „agricultural distress" aufzurütteln. Er spricht gering- 
schätzig vom Squire und meint, „that it would be better the 
park should be cut up into small farms and kitchen gardens, 
or feed good mutton instead of worthless deer" (Br. H. 
191 ). Die Maispiele nennt er „idle nonsensical amusements 
in times of public distress, when it was every one's business 
to think of other matters, and to be miserable" (Br. H. 202) . 
Zum Verdruss des Bracebridge, der fürchtet „that he will 
introduce politics into the village, and turn it into an un- 
liappy, thinking Community" (Br. H. 192), hat er bereits 
unter den Dorfbewohnern einige Anhänger gefunden. 



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— 74 — 



Mit sichtlichem Vergnügen schildert Irving die Freu- 
den und Vergnügen des Dorfes. Er hebt besonders zwei 
Feste, das Maifest und die Weihnachtsfeier, hervor. 

Die Liebe zur Tierwelt, wie sie sich besonders in 
den beiden Skizzen The Rookcry und Family Misfortunes 
zeigt, ist ein Element, das zuerst bei C o w p e r in der eng- 
lischen Literatur erscheint. Bezeichnenderweise setzt Ir- 
ving auch an die Spitze der Skizze The Rookcry eine Stelle 
C o w p e r s (The Task, Book I 203-206). 

V. Der Humor. 

Auch im Humor, in der humorvollen Zeichnung der 
Charaktere und in der Wahl der humoristischen Mittel, 
wandelt Irving in den Spuren des 18. Jahrhunderts. 

Ich brauche mich über die Entwicklung des Begriffs 
und Wesens des Humors bis zu unserer heutigen Auffassung- 
nicht auslassen. Wir besitzen ja darüber eine Reihe von 
Spezialabteilungen. 

Im Folgenden will ich in Kürze versuchen, den Hu- 
mor der in Frage kommenden Schriftsteller zu charakteri- 
sieren, wobei ich jeweils den einen oder andern besonders 
humorvoll geschilderten Charakter hervorheben möchte. 
Thackeray hat in seinen Lcctnrcs on the English Hu- 
mourists in Einzelskizzen über den Humor des 18. Jahr- 
hunderts gehandelt, doch hat er entsprechend seiner Auf- 
fassung von Humor Dichter unter die Humoristen gerech- 
net, die wir heute nicht mehr als solche betrachten. 

S. Johnson äussert sich in den Lives of tle English 
Pocts (II 148) in treffender Weise über den Humor Addi- 
sons: „His humour, which, as Steele observes, is peculiar 
to himself, is so happily diffused as to give the grace of 
novelty to domestic scenes and daily occurrences. He never 
outsteps the modesty of nature, nor raises merriment or 
wonder by the violation of truth. His figures neither divert 
by distortion, nor amaze by aggravation. He copies life 



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— 75 — 



with so much f idelity, that he can hardly be said to invent ; 
yet his exhibitions have an air so much original, that it is 
difficult to suppose them not merely the product of imagi- 
nation." Addison ist ein echter Humorist. Eine wahre 
Liebe zur Menschheit zeichnet alle seine Schriften aus; er 
besitzt ein reines und liebenswürdiges Gemüt, und dies ist ja 
eine der Hauptforderungen für einen Humoristen. Wie der 
Humorist im allgemeinen, so ist auch Addison optimisti- 
schen Anschauungen ergeben. Man vergegenwärtige sich 
nur die Schilderung seines Sir Roger de Coverley. 
Mit welchem Wohlgefallen behandelt er nicht die liebens- 
würdigen Wunderlichkeiten desselben! Sir Roger hat seine 
Eigenheiten, aber sie sind liebenswürdiger Natur und er- 
regen bei niemand Anstoss. „At Sir Roger we never laugh, 
though we generally smile; but it is a smile, always of affec- 
tion and frequently of esteem" (Chalmers, Preface to the 
Spectatori, 16). 

Um Gestalten in humorvoller Weise zu charakterisie- 
ren, bedient sich Addison häufig des Mittels der Wieder- 
holung 1 ) . Dieselben Gewohnheiten pflegen bei einer be- 
stimmten Person immer wiederzukehren, vergl. z. B. die 
Reden Andrew Freeports und Will Honeycombs oder Ro- 
gers Gewohnheit, seine Rede mit einem „pish" zu beginnen. 
Komische Wirkung erstrebt er mit der Charakterisierung 
von Personen durch eine oder mehrere hervorstechende Ei- 
gentümlichkeiten des Körpers, z. B. „My friend with a long 
visage" (Sp. 559) oder „Philipp with an hump-back and 
very high nose" (Tatler 75). 

Eine ähnliche Wirkung wird erreicht durch die Zusam- 
menstellung zweier Züge, die einen gewissen Gegensatz 
enthalten, z. B. „A gentleman of strong voice but weak 
understanding" (Sp. 440). 

Humoristisch wirken auch die Namen, die den Ge- 
stalten beigelegt sind. Sehr häufig wird die Eigenart des 



1) Winter, Joseph Addison als Humorist in seinem Einfluss 
auf Dickends Jugendwerke. Anglia XXI 495 ff. 



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- 76 



Charakters schon durch den Namen angedeutet, z. B. Ben- 
jamin Buzzard, Colonel Touchy, Oliver Bluff, Benjamin 
Browbeat, Will Honeycomb, Will Wimble, William Wise- 
acre, Barbara Crabtree. Bemerkenswert ist die Verbindung 
kleinlicher Familiennamen mit hochtönenden Vornamen, 
z. B. Penelope Touchwood, Winifred Leer, Isabella Kit, 
Rebecca Midriff, Nathaniel Henroost, Dulcibella Thankley, 
Constantia Comb-brush, Timothy Doodle. 

Steele ist zum Teil sehr verschieden beurteilt wor- 
den. Die Bewunderer Addisons glaubten, diesen nur durch 
eine Herabsetzung Steeles ins rechte Licht bringen zu kön- 
nen. Sie schätzten Steeles Stellung als Humorist gering. 
Mit Recht sagt daher Dow, für Steele eintretend : „Steele's 
humour is that of a füll and impulsive nature, careless and 
frank, and too warm-hearted to be very satirical. It comes 
with the extemporaneons freshness of the man's character. 
It seems even sincerer from its want of polish; and though 
the writer touches off human weaknesses, he never forgets 
that he is only human himself" (The Academy, Oct 10, 
1885). Ohne Zweifel ist er der geborene Humorist. Sehr 

charakteristisch für ihn ist seine Auffassung von Satire : 

„I concludcd, however unaccountable the assertion might 
appear at first sight, that good-nature was an essential part in the 
satirist. . . . Good-nature produces a disdain of all baseness, vice and 
foliy which prompts them to express themselves with smartness 
against the errors of men, without bitterness towards their persons" 
(Tatler 242). 

Die allgemeinen humoristischen Mittel Steeles sind im 
wesentlichen dieselben wie bei Addison. 

F i e 1 d i n g bezeichnet als die Quelle des Lächerlichen 
„affectation". „The only source of the true Ridiculons (as 
it appears to me^ is affectation . . . now, affectation proceeds 
from one of these causes, vanity or hypocrisy" (Joseph An- 
drew, Preface). Diese Bestimmung ist ohne Zweifel zu 
eng. Mit Recht bemerkt Masson (127) dazu: ,,I believe 
that there are materials for the comic in nature as well as 
in human life — that there may be something laughable in the 
way in which a tree bends its branches, or a loaf is blown by 



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— 77 — 



the wind, or a dog runs to the well ; and, consequently, that 
many things are ludicrous in life, the ludicrousness of which 
cannot be resolved into vanity or hypocrisy or any sort of 
affectation. In Fielding's own novels, I believe, there are 
examples of the ludicrous which would not Square with his 
theory". Nach Fieldings Definition wäre der Hauptcharak- 
ter in Joseph Andrews, Abraham Adams, dem doch 
jede Affektiertheit und Verstellung abgeht, als komischer 
Charakter unmöglich. Und doch ist gerade Adams eine 
Gestalt, in der der wahre Humor in der schönsten Weise 
verkörpert ist. Sein Aeusseres wird durchaus humorvoll 
geschildert. Rauchen geht ihm über alles, die Pfeife ist 
sein ständiger Freund und Tröster. Er regt sich leicht auf, 
obgleich häufig fast gar kein Anlass dazu vorhanden ist, 
wobei er in der Aufregung zu raschem und unüberlegtem 
Handeln bereit ist. Die Geschichte» anderer Leute finden 
bei ihm übermässigen Anteil. Bald rufen ihre Erlebnisse 
Seufzer und Tränen, bald stürmische Freude hervor. Sei- 
ner Erregung gibt er in drastischer Weise Ausdruck, indem 
er mit den Fingern schnippt, auf den Fusspitzen hüpft und 
vor Freude im Zimmer herumtanzt. Ja, in seiner Aufregung 
geht er einmal soweit, sein so hoch geschätztes Aeschylus- 
manuskript ins Feuer zu werfen. Eine grosse komische 
Wirkung wird erzielt durch seine Vergesslichkeit und Zer- 
streutheit. Er ist unterwegs nach London, um seine Pre- 
digten hier drucken zu lassen, merkt aber nicht, dass er sie 
zu Hause hat liegen lassen, er watet durchs Wasser, wenn 
dicht daneben jenseits der Hecke ein trockener Fusspfad 
hinläuft, sieht ein Wirtshaus nicht, obwohl er beinahe davor 
steht, er vergisst, sich vollständig anzukleiden und erkennt 
sein eigenes Pferd nicht wieder. Erstaunlich ist seine Un- 
kenntnis der Welt. Auf einem einsamen Dorfe aufgewach- 
sen, hat er sich eine Idealwelt aus Büchern des klassischen 
Altertums zurechtgemacht und glaubt mit dieser Weltkennt- 
nis auszukommen. Für moderne Zeiten hat er weder Ver- 
ständnis noch Interesse. Adams kennt von der neueren 
Literatur nur Addisons Cato und die Conscious Lovers, und 



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- 78 - 



die Zeitschriften sind ihm völlig unbekannt. Trotz aller 
Schwächen müssen wir Adams # als einen Menschen von 
reinster Menschenliebe doch lieb gewinnen. So zeigt sich 
in Adams der wahre Humor, denn der echte Humor „liebt 
das Menschengeschlecht", „ist philanthropisch" (Fr. Th. 
Vischel*, Aesthetik I 468). Der Dichter aber, der eine solche 
Gestalt schaffen konnte, muss ein tiefes Gemüt gehabt 
haben. Dies ist nicht die einzige derartige Figur in Fiel- 
dings Werken ; er zeichnet deren mehrere. Reine Menschen- 
liebe ist bei allen ein Grundzug ihres W esens. Solche Cha- 
raktere kann nur ein echter Humorist schaffen. Wenn in 
Fieldings Werken bisweilen die Neigung hervortritt, übet 
die Torheiten der Menschen zu lachen, so hat diese ihren 
Grund nicht in Kälte und Herzlosigkeit und hochmütiger 
Verachtung anderer, sondern es ist das Lächeln eines liebe- 
vollen Gemüts. 

Auch Fielding weiss durch den Stil komische Effekte 
zu erzielen. 

Das Mittel der Wiederholung, eines der gewöhnlichsten 
humoristischen Mittel, kehrt auch bei ihm wieder, doch 
nicht so ausgeprägt wie bei Addison. 

Eine grosse Wirkung wird durch die humoristischen 
Umschreibungen von allgemeinen Begriffen des täglichen 
Lebens hervorgerufen, z. B. 

„Indeed, the had no objection to the reasonableness of the 
biil, but many to the probability of paying it", 

oder 

..Drinking was his trade, and the liquor hat no more affect 
011 him than it had on any other vessel in his house". 

Ein Hauptausdrucksmittel für den Humor sind die 
Bilder und Vergleiche, z. B. 

„As a game cock, when engaged in amorous toying with a hen. 
if perchance he espies another cock at hand, he immediately quits 
his female, and opposcs himself to his rival, so did the ravisher, on 
the information of the crabstick, immediately leap from the woman, 
and hasten to assail the man" (I. A. II 9). 

Anreden an den Leser sind für den humoristischen 
Fielding in hohem Masse charakteristisch, z. B. 



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— 79 — 



„Reader, take care. I have unadvisedly led thee to the top 
of as high a hill as Mr. Allworthy's, and how to get thee down 
without breaking thy neck, I do not well know. However, let 
us e'en venture to slide down together; for Miss Bridget rings her 
bell, and Mr. Allworthy is summoned to breakfast, where I must 
attend, and, if you please, shall be glad of your Company" (T. I. I 4). 

Komisch wirken auch die Wortverdrehungen. ■ Beson- 
ders kommt hier die Redeweise der Magd der Lady Booby, 
Slipslop, in Betracht; z. B. 

„Your ladyship has no parents to tutclar your i n f e c - 
tions" (I. A. IV 13), 

oder 

..I had no time. madam. to inquire about particles" (IV 13). 

Mit Glück handhabt Fielding die Ironie, z. B. 
„The host, being unwilling to be outdone in courtesy" 
(I. A. II 5), 

nachdem Adams ihm zuvor einen Schlag ins Gesicht 

versetzt hatte, oder 

„she was not at this time remarkably handsome" (I. A. IV 7). 

Auch durch die Namen entwickelt Fielding oft Hu- 
mor, z. B. Partridge, die personifizierte Furcht; Mrs. Ho- 
nour, die nie ein Versprechen halten kann; Friedensrichter 
Thrasher; constable Suckbribe; Mrs. Slipslop. Ich mache 
keinen Anspruch, in dieser kurzen Skizze die humoristischen 
Mittel Fieldings erschöpfend behandelt zu haben ; ich wollte 
nur die Hauptmomente hervorheben. Für Näheres ver- 
weise ich auf die Ausführungen von Homann 

Von Smolletts Humor sagt Tuckerman (213): 
.,Smolletts humour is usually of the broadest and most ele- 
mentarv kind. It consists largely of hard blows, a-pro- 
pos knock-downs, and practical jokes. More than any 
novelist, he illustrates the coarseness of Iiis time. His pages 
are filled with cruelties and blackguardism. Many of his 
principal characters are dissolute without enjoyment, and 
brutal without good-nature." In der Tat tritt uns in sei- 
nen Werken mehrfach eine direkte Menschen Verachtung 

I) Wilhelm Homann. Henry Filding als Humorist. Diss. Mar- 
burg 1000. 



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— 80 — 



entgegen. Man gewinnt oft den Eindruck, als ob er mit 
Vorliebe in der Gemeinheit wühle. „Several episodes both 
of Roderick Random and Peregrine Pickle are füll of mere 
human cruelty, told with little or no comment and no effort 
to draw a moral" (Hannay, Smollett 79) *)• 

Nur um Humphry C linker s willen wird Smollett zu 
den Humoristen gerechnet. In den früheren Werken, die 
den allmählichen Uebergang zum humoristischen Roman 
darstellen, ist es ihm noch nicht gelungen, die beiden Sei- 
ten des Humors durchdringend zu vereinigen, Groteskes 
und Ideales bestehen hier noch unvermittelt nebeneinander. 
Als ein Beispiel hierfür kann die Gestalt des C o m m o - 
doreTrunnion dienen. Erst in seinem letzten Roman 
erscheint der wahre Humor. Freilich dürfen wir nicht er- 
warten, dass alles Frühere verschwunden ist. 

Ein echter Humorist ist Matthew B r a m b 1 e. 
Deutlich tritt bei ihm jene Eigenschaft auf, die man vor 
allem von einem humoristischen Charakter verlängt, die 
Reinheit und Tiefe des Gemüts. 

„He affects misanthropy, in order to conceal the sensibility of 
a heart which is tender even to a degree of weakness" (H. C. 476). 

Dies ist auch der Grundzug im Wesen des Humphry 
C 1 i n k e r. Sein kindliches, gutes Gemüt und seine manig- 
fachen einfältigen Manieren lassen auch ihn als einen wirk- 
lichen Humoristen erscheinen. 

Was die humoristischen Mittel angeht, so gebraucht 
Smollett das Mittel der Wiederholung, die humoristischen 
Umschreibungen. Sehr drastisch sind seine Bilder und Ver- 
gleiche, z. B. 

„His face was capacious as a füll moon, and much of the com- 
plexion of a mulberry" (R. R. 51), „My hair, which was of the 
deepest red, hung down upon my Shoulders, as lank and straight as 
a pound of candles" (R. R. 64). „Opened his mouth like a gasping 
cod, and with a cadence like that of the east wind singing through 
a cranny" (P. P. 201). „She was supported by the captain, distil- 
ling drops from his uncurled periwig, so lank and so dank, that 

1) Hannay, Smollett (Great Writers). 



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1 



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he looked like Father Thames without his sedges, embracing Isis, 
while she cascaded in his urn" (H. C. 575). 

Mit grossem Geschick verwendet Smollett im Peregrinc 
Pickle die Seemannssprache. Sehr wirkungsvoll durch den 
Stil und die Orthographie sind die Briefe der T a b i t h a 
Bramble und ihrer Magd Winifredjenkins. Oft 
erstrebt er humoristische Wirkung durch die Namen, z. B. 
Roderick Random, Peregrine Pickle, Lord Trifle, Lord 
Diddle, Lord Frizzle, Lord Swillpot, Squire Tattie, Squire 
Bumper, Mrs. Staytape, Miss Melinda Goosetrap. 

Sternes Humor liegt hauptsächlich in der Behand- 
lung der „Hobby-Horses", der Steckenpferde seiner Hel- 
den. „The leading idea of Sterne was to represent his 
characters enthusiastic in pursuits which, either from their 
eccentric nature, or the disproportionate attention they 
engaged, appear ridiculous to ordinary people. In the 
phrase which he himself has engrafted into the English 
language, his principal personages had each their ,hobby- 
horse* " (The Quarterly Review 94, 334). Die Idee, eine 
Charakterfigur auf dem Grunde ihrer Liebhabereien auszu- 
gestalten, reicht in ihrem ersten, hervorragend markierten 
Auftreten weit über die Grenzen des 18. Jahrhunderts 
zurück. Cervantes' Don Quijoteist ohne Zweifel 
die hervorragendste unter diesen Darstellungen. Ansätze 
dazu finden wir in der englischen Literatur bereits bei 
Addison und F i e 1 d i n g. Aber scharf ausgeprägt 
tritt sie erst bei Sterne hervor. 

Ueberall zeigt sich die glanzvolle Heiterkeit von Ster- 
nes Weltanschauung, eine Weltanschauung, die, frei von 
dem Schmerz jeder pessimistischen Idee, die ganze Welt 
in rosenfarbenem Lichte erblickt. Diese Anschauung spie- 
gelt sich vor allem in dem Charakter seiner Hauptgestalten 
wieder. Ihnen allen ist ein empfindendes Herz und ein 
reines Gemüt eigen. „And how good, they all are, what 
heart as well as oddity there is in them! One feels that 
one could have lived cheerfully and freely in the vicinity of 
Shandy Hair (Masson 147). Mit Recht sagt Hettner: 

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„Wenn irgendwo, so erfahren wir hier, dass die Mutter des 
Humors die Liebe ist." Wie bezeichnend ist z. B. jene 
Szene, in der U n c 1 e T o b y, der einstige Soldat, der be- 
geisterte Liebhaber von „saps, mines, blinds, gabions, pali- 
sadoes, ravelins, half-moons", einer Fliege, die er nach zahl- 
losen Bemühungen endlich gefangen hat, das Leben und die 
Freiheit schenkt : 

„Hl not hurt thee, says my uncle Toby rising from his chair, 
and going across the room with the fly in his hand — I * 11 not hurt 
a hair of thy head — ; Go — , says he, lifting up the sash, and opening 
his hand as he spoke, to let it escape; — go, poor devil, get thee 
gone; why should I hurt thee? — This world surely is wide enough 
to hold both thee and me" (Tristram Shandy; Works I ioo). 

In dieser Gestalt zeigt sich der Sternesche Humor am 
schönsten. Uncle Toby hat sein Steckenpferd, eine Lei- 
denschaft für. Festungsbauten, aber er besitzt bei seinem 
männlichen Soldatenmut auch ein weiches Herz. Ein Ver- 
gleich Uncle Tobys mit Don Quijote (siehe Elwin, The 
Quarterly Review 94, 334/335) lässt die Feinheit des 
Sterneschen Humors deutlich hervortreten. Dieser fällt 
zugunsten Sternes aus. Bei Cervantes überschreitet 
die ganze Idee die Grenzen des Natürlichen. Don Qui- 
jotes Ideen sind trotz aller Begeisterung hirnverbrannt; er 
erregt unser Mitleid. Bei Uncle Toby dagegen erscheint 
die Manie, Festungsbauten nachzubilden, doch ganz im 
Rahmen des Glaubhaften. Er ist geistig gesund. „His 
imagination has not got the better of his senses, and if 
his military enthusiasm almost rivals the chivalrous frenzy 
of Don Quixote, it is due to disease of the body instead of 
the mind" (The Quarterly Review 94, 335). 

Von den humoristischen Mitteln möchte ich die ein- 
gehende Beschreibung der Bewegungen einer Person her- 
vorheben. Offenbar hat er dies von Rabelais gelernt. 
Unbedeutende, nichtige Dinge werden auf pompöse Weise 
vorgetragen. Seine Darstellungsweise zeigt eine Reihe 
äusserlicher Extravaganzen, wie zahlreiche Gedanken- 
striche, Sternchen, sonderbare Figuren, weiss gelassene 



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- 8 3 - 



Seiten, falsche Paginierung, als ob der Buchbinder ein Ver- 
sehen begangen hätte. 

Es ist schwer, mit ein paar Worten den Stil Sternes 
zu charakterisieren. Er ist so eigentümlich, dass man 
eigentlich nur durch aufmerksames Lesen ein richtiges Bild 
vom wahren Wesen desselben bekommt. 

Ein standard-work des englischen Humors liefert 
G o 1 d s m i t h in seinem Vicar of Wakefield. „Für die 
reinsten Repräsentanten des letzteren (versöhnten Humors) 
halte ich unter den Engländern Sterne und Goldsmith, unter 
den Deutschen J. Paul und Tieck. Den unendlichen Wider- 
spruch von Höhe und Niedrigkeit in der Menschenwelt, 
die rührend komische Wahrheit, dass der grosse Mensch so 
klein, dieses weisheitsvolle Wesen so kindisch ist, schildern 
sie erfinderisch in den individuellsten Kollisionen, immer 
aber mild und mit Liebe, sie reizen nie zum wilden, verzerr- 
ten Lachen, sondern so verwegen sie das Edelste und 
Kleinste ineinander spielen lassen, ist doch der Grund, auf 
dem das Ganze ruht, Harmonie und Frieden" (Vischer 
214/215) *). Es ist ein reifer abgeklärter Humor, „der 
in heiterer, wolkenloser Höhe über den Dingen steht und 
mit einem göttlichen Gemisch von Wehmut und Ergötzen 
auf das naive, widerspruchsvolle Treiben der Menschen- 
kinder herabschaut" (vgl. Thackeray, Lectures ed. Regel 
VI, 50). Die ganze Familie Primrose bis herab zu den 
Kleinsten wird uns lieb. Vor allem ist es Dr. Primrose, auf 
den Goldsmith die ganze Güte seines Herzens übertragen 
hat. Er ist ein durchaus ernster Charakter. Alles Lächer- 
lich-Komische ist bei ihm vermieden, dagegen ist er mit 
humoristischen Zügen ausgestattet, die ihn uns liebenswür- 
diger und menschlich verständiger machen. 

Die allgemeinen humoristischen Mittel treten hier dem 
ganzen Charakter des Werkes entsprechend in den Hinter- 
grund. 

i) Fr. Th. Vischer, Ueber das Erhabene und Komische, ein 
Beitrag zur Philosophie des Schönen. 

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- 8 4 - 



Wenden wir uns nach diesem summarischen Ueberblick 
zu Irving. 

Es kommt mir nicht darauf an, eine Gesamtdarstellung^ 
des Irvingschen Humors zu geben, sondern ich will nur 
versuchen, zu zeigen, inwieweit Irving in die Traditionen 
des 18. Jahrhunderts eingetreten ist. 

Es möge zunächst einiges über die Persönlichkeit des 
Dichters folgen, denn für das Verständnis eines humoristi- 
schen Werkes ist die Kenntnis der dahinter stehenden Per- 
sönlichkeit wichtig. „Dem Humor entspricht keine be- 
sondere Darstellungsform. Er stellt die übrigen Formen 
der Komik in seinen Dienst, indem er sich durch sie zum 
Ausdruck bringt. Die einzelne komische Schilderung, da. fc 
einzelne witzige Urteil, eine ironische Einzeldarstellung 
ist an sich noch nicht humoristisch, sondern wird es erst 
durch die innere Teilnahme für das komische Objekt" (Ho- 
mann 6/7). „Für den Wert der humoristischen Dichtung- 
ist daher mehr als in irgend einer andern Kunstart die Per- 
sönlichkeit des Dichters entscheidend" (Hettner 455). 

Ueberall treffen wir in dem Menschen Irving dieselbe 
Gutmütigkeit und heitere Lebensauffassung, die sich auch 
in seinen Schriften findet. Auch nur ein kurzer Einblick 
in seine Werke lässt uns erkennen, einen wie edeln Men- 
schen wir vor uns haben. „There never was any one who 
so carried the whole of himself in each of his writings" 
(Ha weis 10/11). Welch ein tiefes Gemüt und warmes 
Herz spricht aus den Worten, mit denen er den sittlichen 

Wert seiner ganzen Schriftstellerei bezeichnet. 

„ What, after all, is the mite of wisdom that I could throw into 
the mass of knowledge; or how am I sure that my sagest deduc- 
tions may be safe guides for the opinion of others? But in writing 
to amuse, if I fail, the only evil is in my own disappointment. If, 
however, I can by any lucky chance, in these days of evil, rub out 
one wrinkle from the brow of care, or beguile the heavy heart 
of one moment of sorrow; if I can now and then penetrate through 
the gathering film of misanthropy, prompt a benevolent view of 
human nature, and make my reader in good-humour with his fellow- 
beings and himself, surely, surely, I shall not then have written 
entirely in vain" (Sk. B. 175). 



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- 8 S - 

Von den zahlreichen Zeugnissen, die wir über Irvings 
Wesen besitzen, will ich nur zwei Briefe von Emilie 
Foster (später Mrs. Füller) hervorheben; 1860 schrieb 
sie nach des Dichters Tod an seinen Neffen Pierre M. I r - 
ving einen Brief, worin sie ihre Eindrücke beim ersten 
Zusammentreffen mit Irving in Dresden schilderte. „Er 
war durch und durch ein gentleman nicht bloss in seinem 
Aeussern und in seinen Manieren, sondern bis in die in- 
nersten Fibern seines Herzens; sanft und milde, aber dabei 
stolz, gefühlvoll und von der wärmsten Anhänglichkeit, war 
er ein sehr angenehmer, immer interessanter Gesellschafter, 
lustig und voll Humor trotz gelegentlicher Anfälle von Me- 
lancholie, denen er jedoch nur selten ausgesetzt war, wenn 
er sich bei solchen befand, die er liebte; er hatte eine Gabe 
der Unterhaltung, die wie ein voller Strom im Sonnen- 
schein, hell, leicht und überquellend dahinfloss." Als sie 
ihn einige Jahre nach dem Aufenthalt in Dresden in Lon- 
don wieder traf, schrieb sie „Er war noch immer derselbe, 
die Zeit hatte ihn wenig verändert. Seine Unterhaltung 
war interessant wie immer, seine dunkelgrauen Augen noch 
voll wechselnder Empfindung, sein Lächeln halb mutwillig, 
halb melancholisch, doch immer wohlwollend. Alles, was 
niedrig, gehässig oder herb war, entfernte er so vollständig 
von sich, dass es in seiner Nähe schien, als gäbe es derglei 
chen gar nicht. Alle edeln und zarten Empfindungen und 
die Natur in ihren sanftesten und grossartigsten Erschei- 
nungen erfüllten seine Einbildungskraft und liessen für 
gemeine und schlimme Gedanken keinen Raum bei ihm; 
wenn er in guter Laune war, so machten sein Humor, seine 
Spässe und drolligen Schilderungen selbst den Ernstesten 
lachen' 1 (Lann I 106). Seine scharfe Beobachtungsgabe 
für das Komische, die oft so glänzend in seinen Schriften 
hervortritt und die sich schon in frühester Jugend bemerk- 
bar macht, kann folgende gern von ihm erzählte Jueend- 
anekdote illustrieren. „How well I recollect the little man 
(„a simple-hearted little barber, named Coxe, who used to 
dress Iiis father's peruke") with his moist eye, as he stood 



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— 86 — 



before my father on this spot, wig in band, all alive with 
excitement at the first tidings of the execution of Louis 
XVI. I was but nine years old, yet the scene is as freshly 
before me as if it were yesterday. „Wasn't it a shame, Mr. 
Irving 4 ', said he dancing up and down, „wasn't it a shame 
to put him to death ? Why not let him come to this country ? 
Only think — he might have come over here, and set 
up a small grocery" " (Life and Letters I 112). 

Solche Eigenschaften machen Irving zu einem echten 
Humoristen. 

Wie bei Sterne so beruht auch bei Irving zum 
Teil der Humor auf der Behandlung der Steckenpferde. 
Wir dürfen hier wohl Einwirkung Sternes annehmen. Da- 
neben kann auch Cervantes' Don Quijote, dessen ge- 
naue Kenntnis wir aus den zahlreichen Erwähnungen er- 
sehen, mitgewirkt haben. Die beiden Gestalten, die hier 
hauptsächlich in Betracht kommen, sind Squire Brace- 
b r i d g e und der mit ihm befreundete Pfarrer. 

Die Steckenpferde der Beiden berühren sich ziem- 
lich eng. 

Bracebridges „hobby" (!) ist „a bigoted devo- 
tion to old English manners and customs" (Br. H. 6). Das 
hobby-horse des Pfarrers ist die leidenschaftliche Liebe 
und V erehrung alter Folios. Squire Bracebridge geht 
in seinem Lieblingsgegenstand vollständig auf. Alles Alter- 
tümliche schätzt er hoch, während er auf moderne Einrich- 
tungen, selbst wenn sie einen bedeutenden Fortschritt dar- 
stellen, verächtlich herabblickt. In seinem Haus und in 
seiner Umgebung lässt er die alten Sitten und Gebräuche 
wieder aufleben. Man vergleiche z. B. seine genaue Be- 
obachtung der Weihnachtssitten. Dabei erregt sein Ueber- 
eifer manchmal unser Lächeln. Man vergegenwärtige sich 
nur jenen Moment während des Weihnachtsmahles, wo der 
butler, von zwei Dienern mit brennenden Kerzen begleitet, 
unter Harvenklang auf einer silbernen Schüssel „an ertor- 
mous pig's head, decorated with rosemary, with a lemon 
in its mouth" hereinträgt. Wir können uns ein Lächeln 



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- 8; - 



nicht versagen, wenn wir erfahren, „that it was ineant to 
represent the bringing in of the boar's head ; a dish formerly 
served up with rnuch ceremony and the sound of minstrelsy 
and song, at great tables, on Christmas day". Dieser 
Enthusiasmus für das Alte entspringt einem warmen, ge- 
fühlvollen Herzen. Ich habe bereits Veranlassung gehabt, 
auf diesen Charakterzug hinzuweisen (Seite 36/38, 53). 
So stellt der Squire einen echten Humoristen dar. Irving 
nennt übrigens selbst den Bracebridge „a humorist". 

Unterstützt wird der Squire in seinen Bestrebungen 
von dem Pfarrer. Auch er hat sein „hobby", das ihn 
vollständig beherrscht. Da ich diesen Punkt bereits berührt 
habe, so verweise ich auf die betreffenden Stellen (Seite 
67/68). Sein wahres Herz und seine Begeisterung für alles 
Edle machen auch ihn zu einem wahren Humoristen. 

Neben Sterne haben ohne Zweifel auch die andern 
Humoristen auf Irving eingewirkt, obgleich sich hier die 
Beziehungen nicht so genau bestimmen lassen. So zeigen 
groteske Züge, die gelegentlich begegnen, besonders in 
Salmagundi, wie z. B. der Grundsatz des Christopher 
C o c k 1 o f t „to bring his children up like vegetables", 
dass Irving seinen Smollett nicht ohne Einwirkung 
gelesen hat 

Auch in der Wahl und Ausgestaltung der humoristi- 
schen Mittel bestehen nach meiner Meinung Beziehungen 
zu den Humoristen des 18. Jahrhunderts. Ich will damit 
nicht sagen, dass sich für jeden Punkt Einwirkungen nach- 
weisen lassen. Die Zahl der humoristischen Mittel ist, wie 
dies ein Blick auf die vorher gehende Skizze zeigen kann, 
nicht so gross, als dass Irving schliesslich nicht auch selbst 
darauf hätte kommen können. Ich meine vielmehr, dass 
Irving, von dessen feiner Beobachtungsgabe für das Ko- 
mische ich bereits gesprochen habe, sich im allgemeinen an 
der Diktion dieser Autoren gebildet hat. 

Ein beliebtes Mittel, um den Charakteren das humo- 
ristische Gepräge zu geben, ist auch bei ihm das Mittel 
der Wiederholung. 



— 88 — 



Will Wi z a r d, der sich längere Zeit in China auf- 
gehalten hat, sucht bei jeder Gelegenheit seine Erfahrungen 
in China anzubringen. Ist er in Gesellschaft, wo etwas 
Auffallendes besprochen wird, so darf man gewiss sein, 
dass er etwas Aehnliches aus seinen Erlebnissen zu er- 
zählen weiss. Dabei hat er diese schon so oft zum besten 
gegeben, dass sie seinen Bekannten allgemein bekannt sind. 

ChristopherCockloft hat eine grosse Nei- 
gung, lange Geschichten zu erzählen. Hat er einmal einen 
Kreis von Freunden um sich versammelt, so kommen sie 
nicht so schnell los. Seine Auswahl von Geschichten ist 
aber nicht gross, so dass seine Zuhörer zu ihrer Langweile 
oft dasselbe zu hören bekommen. 

Hierher gehört auch die oft betonte Abneigung der 
Cocklofts gegen alles Französische. 

Um seine Gestalten in eine komische Beleuchtung zu 
rücken, verwendet Irving wie seine Vorgänger die humo- 
ristische Schilderung, für die die sinnliche Veranschau- 
lichung charakteristisch ist. Ein feines Beispiel dieser Art 
bietet die Beschreibung der Gestalt des Ichabod Crane. 

,.He was tall, but exceedingly lank, with narrow Shoulders, 
long arms and legs, hands tat dangled a mill out of his sleeves, feet 
that might have served for shovels, and his whole frame most 
loosely hung together. His head was small, and flat at top, with 
huge ears, large green glassy eyes, and a long snipe nose, so that 
ii looked like a weather-cock, perched upon his spindle neck, to 
teil which way the wind blew. To see him striding along the pro- 
file of a hill on a windy day, with his clothes bagging and fluttering 
about, him, one might have mistaken him for the genius of famine 
descending upon the earth, or some scarecrow eloped from a corn- 
field" (Sk. H. 256). 

Ein anderes treffliches Beispiel ist die Beschreibung 
des Pfarrers in der Skizze Christmas Day (Sk. B. 157). 

Von Wagstaff wird gesagt : 

„He is a dapper little fellow, with bandy legs and pot belly, 
a red face, with a moist merry eye, and a little shock of gray hair 
behind" (Sk. B. 185). 



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- 89 - 



Personen, die nur kurz auftreten, werden durch eine 
oder mehrere Eigentümlichkeiten ihres Körpers charakteri- 
siert. 

„A little meagre, weazel-faced Frenchman" (Salm. 104). „A 
comfortable plump-looking Citizen" (Salm. 11). „A shabby gent- 
leman, in a red nose and oil-cloth hat" (Sk. B. 88). „A pampered 
coachman, with a red face, and cheeks that hang down like dew- 
laps" (Br. H. 30). „The apothecary, a short, and rather fat man, 
with a pair of prominent eyes, that diverge like those of a lobster" 
(Br. H. 183). „A worthy old umbrella-maker in a double chin" 
(Sk. B. 188). „Honest Lamb, in spite of the meekness of his name, 
was a rough, hearty old fellow, with the voice of a lion, a head of 
black hair like a shoe-brush, and a broad face mottled l?ke his own 
beef" (Sk. B. 189). 

Ein Hauptausdrucksmittel für den Humor Irvings 
sind die Vergleiche. Die Beispiele hierfür sind überaus 
zahlreich, besonders häufig finden sie sich in Salmagundi. 

„He then sprung up, like a sturgeon, crossed his feet four 
Times and finished this wonderful evolution by quivering his left leg, 
as a cat does her paw when she has accidentally dipped it in water" 
(Salm. 12). „Who hop about our town in swarms, like little toads 
after a shower" (Salm. 27). „Will thundered down the dance 
like a coach-and-six, sometimes right, sometimes wrong; now run- 
ning over half a score of little Frenchmen, and now making sad 
inroads ints ladies' cobweb muslins and Spangled tails" (Salm. 56). 
„Being braced up in a fashionable style with whalebone, stay-tape. 
and buckram, looked like an apple-pudding tied in the middle; or, 
taking her flaming dress into consideration, like a bed and bolsters 
rolled up in a suit of red curtains" (Salm. 56). „I have sometimes 
seen one of these „reverend youths" endeavouring to elevate his 
wintry passions into something like love, by basking in the sunshine 
of beauty; and it did remind me of and old moth attempting to fly 
through a pane of glass towards a light, without ever approaching 
near enough to warm itself, or scorch its wings" (Salm. 67). „His 
countenance would curl up into an expression of Gothic risibility, not 
unlike the physiognomy of a cabbage leaf wilting before a hot fire" 
(Salm. 218). „His nose was shaped like the bill of a parrot; his face 
slightly pitted with the small-pox, with a dry perpetual bloom on 
it, like a frostbitten leaf in autumn" (Sk. B. 149). „So as to show 
nothing but the top of a round bald head, like the egg of an Ostrich" 
(Sk. B. 158). „Master Simon was in as chirping a humour as a 
grasshopper filled with dew" (Sk. B. 170). „Couched in his little 



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— 9° — 

dornain, with these filamcnts strctching forth in every direction, 
he is like some choleric, bottle-bellied old spider, who has woven 
his web over a whole Chamber, so that a' fly cannot buzz, nor a 
breeze blow, without startling his repose, and causing him to sally 
forth wrathfully from his den" (Sk. B. 232). „Every home-thrust 
of the radical made him wheeze like a bellows, and seemed to let 
a volume of wind out of bin,, (Br. H. 202). „He bowed and cooed 
abqut the dulcet Lady Lillycraft, like a mighty cock pigeon about 
his damc" (Br. H. 311). 

Komische Wirkungen werden erzielt durch die Zu- 
sammenstellung begrifflich verschiedener Wörter. Beson- 
ders interessant sind die Fälle, wo verschiedene Begriffe von 
demselben Verbum abhängen. 

„No man „of woman born", who was not a Frenchman, or a 
mountebank, could have done the like'* (Salm. 12). „Fresh from 
the head-quartcrs of fashion and folly" (Salm. 31). „This town 
remarkablc for dogs and democrats" (Salm. 44). „She is . . . 
a warm admirer of shining mahogany, clean hearths, and her 
husband!" (Salm 61). „He shall furnish us with notices of epic 
poems and tobacco" (Salm. 2). „Mrs. Cockloft thereupon turned up 
her eyes. and the young lädies their noses" (Salm. 68). „Who 
illuminated the whole country with his principles — and his nose" 
(Salm. 77). „Where they make buttons and beaux enough to 
inundate our whole country" (Salm. 138). „Imitating cats in a 
gutter and opera-singers" (Salm. 139). „The brisk north-westerns 
which prevailed not long since, had a powerful effect in arresting the 
progress of belles, beaux, and wild-pigeons in their fashionable 
northern tour" (Salm. 188). „Some play at billiards, some play the 
fiddle. and some play the fool" (Salm. 205). 

Komische Wirkung erstrebt Irving auch durch die 

Weitschweifigkeit des Ausdrucks und die Umschreibung 

von Begriffen des täglichen Lebens. 

„Has seen generation after generation pass away into the 
silent tomb of matrimony" (Salm. 4). „The lady in question was a 
prodigious fine piece of flesh and blood" (Salm. 12). „One of 
these unhappy victims of a fiddlestick" (Salm. 19). „The gingerbread 
finery of a sword-belt" (Salm. 45). „Barbara . . . adopted * that 
staid. sober, demure, snuff-taking air, becoming her years and 
discretion" (Salm. 66). „1 do not recollect, in the whole course of 
my Kfe, to have the month of March indulge in such untoward 
capers, caprices. and coquetries as it has done this year" (Salm. 86). 
„ ... in her favourite red damask bed-chamber, and in which a 



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projector might with great satisfaction practise his expcriments on 
fleets, diving-bells. and submarine boats" (Salm. 182). „When a 
man is quietly journeying downwards into the valley of the shadow 
of departed youth, and begins to contemplate in a shortened per- 
spective the end of his pilgrimage . . (Salm. 212). „A fat-headed 
old gentleman next him, who was silently engaged in the discussion 
of a huge plateful of turkey" (Sk. B. 166). 

Seinem komischen Bewusstsein gibt Irving weiter 
Ausdruck vermittelst der Ironie. Einige Fälle von Ironie, 
die uns übrigens schon mehrmals in den angeführten Bei- 
spielen begegnet ist, mögen hier folgen. 

„Girls (shall be taught) how to get husbands, and old maids 
how to do without them" (Salm. 7). „Mr. Wilson gave me infinite 
satisfaction by the gentility of his demeanour, and the roguish 
looks he now and thcn cast at the ladies" (Salm. 18). „My aunt 
Charity was afflicted with one fault, extremely rare among her 
gentle sex — it was curiosity" (Salm. 102). „Which last (young 
lawyers) attend the courts, not because they have business there, 
but because they have no business anywhere eise" (Salm. 147). 
„A mighty sweet-disposed old dowager, who loomed most magnifi- 
cently at the table, had a sauce-boat launched upon the capacious 
lap of a silver sprigged muslin gown, by the manoeuvring of a little 
politic Frenchman . . . the lady bounced round, and, with one box 
on the ear, drove the luckless wight to utter annihilation" (Salm. 
203/204). 

Wie seine Vorgänger so weiss auch Irving oft durch 
die Namen, die er seinen Gestalten beilegt, komische Wir- 
kungen zu erzielen. Sehr häufig lässt der Name einen 
Schluss auf den Charakter der Person zu. Auffallend ist 
auch hier die Verbindung von hochklingenden Vornamen 
mit kleinlichen Familiennamen. 

Miss Diana Wearwell („is as chaste as au icicle" Sahn. 
14) ; Mr. Ichabod Fungus; Pindar Cockloft; Miss Laurelia 
Dashaway; Billy Dimple („a universal smiler" Salm. 55) ; 
Timothy Dabble; Launcelot Langstaff; Clarinda Trollop; 
Seiina Badger; Anthony Evergreen; Will Wizard; Jona- 
than Doolittle; Mr. Faddy. 

Ist Irving auch in die Spuren der englischen Humo- 
risten des 18. Jahrhunderts eingetreten, so steht er doch 
weit über diesen durch die sittliche Reinheit seiner Schrif - 



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ten. Wir finden bei ihm alle Freiheiten, die einem Humo- 
risten erlaubt sind, aber sein angeborenes Zartgefühl weiss 
stets die Grenzen des Anstandes zu wahren. 



Schluss. - 

In der vorliegenden Untersuchung glaube ich die Be- 
ziehungen Irvings zur englischen Literatur des 18. Jahr- 
hunderts in der Hauptsache erschöpfend dargestellt zu 
haben. Unter seinen Vorbilden hat, um das Ganze noch ein- 
mal kurz zusammenzufassen, vor allem der Spectator einen 
nachhaltigen Einfluss auf ihn ausgeübt. Daneben machen 
sich bedeutende Einwirkungen Goldsmiths geltend. 
Weniger ausgeprägt ist der Einfluss S m o 1 1 e 1 1 s. Eine 
kurze Darstellung der Entwicklung der Dorfschilderung hat 
Irvings Stellung in dieser erkennen lassen. Besonders auch 
als Humorist verdankt Irving viel dem 18. Jahrhundert. 
Aber wenn auch Irving viele Anregungen von seinen Vor- 
bildern empfangen hat, so hat er doch durch Hineinlegung 
seines eigenen Wesens durchaus originale Werke ge- 
schaffen. 



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Literatur. 



1. Ausgaben. 

The Works of Washington Irving, 1—11. London, George Bell & Sons, 1904 
The Life and Letters of Wash. Irving, von Pierre M. Irving. 2 Bde. 

London, George Bell & Sons, 1877. 
The British Essayists, with Prefaces, Historical and Biographical by 

A. Chalmers. Boston, Little, Brown and Co., 1854. 
Richardson, Pamela. 10. Edition, 1775, 4 Bde. 
Goldsmith, The Citizen of the World (The New Universal Library). 
Goldsmith, Select Works. Macmillan, 1901. 
Smollett, Works. Edinburgh, P. Nimmo & Co., 1883. 
Sterne, Works. 4 Bde. London, Bickers & Sons, 1885. 
Cowper, Works. Globe Edition. 

G. Crabbe, Works. 8 Bde. London, John Murray, 1823. 

2. Abhandlungen. 

A. Beljame, Le public et les hommes de lettres en Angleterre au dix- 

huitieme siecle. Paris 1881. 
Ha weis, American Humourists. London 1883. 
Hettner, Geschichte der englischen Literatur. 5. Auflage. 1894. 
Laun, Wash. Irving, Ein Lebens- und Charakterbild. 2 Bde. Berlin 1870. 
Masson, British Novelists and their Styles. Cambridge 1859. 
Tuckermann, History of English Prose Fiction. London 1882. 



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Lebenslauf. 



Ich, Ferdinand Künzig, katkolischer Konfession, wurde 
am 26. Oktober 1887 als Sohn des Lokomotivführers Alois 
Künzig und seiner Ehefrau Anna geb. Neckermann zu Offen- 
burg geboren. Ich besuchte daselbst die Volksschule und 
darauf das Grossh. Gymnasium, das ich nach Erlangung des 
Reifezeugnisses im Sommer 1906 verliess. Als Studierender 
der Philologie war ich zwei Semester in München, ein Semester 
in London und fünf Semester in Heidelberg. Allen meinen 
verehrten Lehrern, insbesondere Herrn Geh. Hofrat Hoops, 
der mir die Anregung zu dieser Abhandlung gegeben hat, 
spreche ich meinen tiefgefühlten Dank aus. 



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